Studienseminar: Journalisten unter Druck

Mittwoch, 29. April 2015

Die Fernsehjournalistinnen Golineh Atai und Katrin Eigendorf zeichneten im Seminar für Sicherheitspolitik am 15. April ein düsteres Bild über den Information War im Russland-Ukraine-Konflikt.

Fernseh- und Fotojournalisten auf einer Pressekonferenz des russischen Präsidenten Wladimir Putin; Putin im Hintergrund auf einer GroßbildleinwandPressekonferenz Wladimir Putins am 18. Dezember 2014. Foto: Büro des Präsidenten der Russischen Föderation/kremlin.ru

„Geheimnisvolle Fragen“ standen am Anfang dieser Lektion. Fragen wie: „Wer bedroht eigentlich die russisch-stämmigen Einwohner der Krim?“ „Wer sind denn die ‚kleinen grünen Männchen‘?“ Oder: „Wer hat eigentlich die Maidan-Demonstranten umgebracht?“ Die Antworten säen Zweifel. Rachewütige Kiewer würden Russen auf der Halbinsel bedrohen, grüne Uniformen würde es überall zu kaufen geben und die Aktivisten des Euro-Maidan hätten die ihrigen selbst getötet, um Präsident Janukowytsch stürzen zu können. Aufgezeichnete Telefonate und geleakte Dokumente tauchen plötzlich auf, um diese Antworten zu stützen. Mit solchen Methoden, so die ARD-Korrespondentin Golineh Atai, zielten russische Lobbyisten auf Verunsicherung im Journalismus.

Porträtaufnahme von Golineh Atai, ARD-Korrespondentin in MoskauEine „Achillesferse“ des Westens? Golineh Atai findet, dass der Informationskrieg Russlands „unsere Fähigkeit zu Selbstkritik“ ausnutzt. Foto: BAKS

Doch damit nicht genug: Es wird auch versucht, westliche Journalisten direkt zu beeinflussen - durch gezielte Nutzung der Social Media Kanäle der Redaktionen, unzählige E-Mails an berufliche und private Adressen, Programmbeschwerden bislang ungekannten Ausmaßes. Atai, seit 2003 als Auslandsjournalistin tätig und seit Februar 2013 im ARD-Studio Moskau, beschreibt damit ein Phänomen des Informationskrieges, das ihrer Ansicht im Russland-Ukraine-Konflikt eine ganz neue Dimension angenommen hat.

Katrin Eigendorf stimmt ihr zu. Sie ist seit Januar 2015 stellvertretende Leiterin des ZDF-Studios Moskau, war von 1999 bis 2014  Außenpolitikreporterin und Moderatorin des „auslandsjournal Extra“, und davor bereits ab 1993 Moskau-Korrespondentin für RTL gewesen. „Das mediale Bild im Konflikt in der Ukraine ist so wichtig wie das Kampfgeschehen“, stellt sie fest. So würden „Journalisten zu Soldaten“ gemacht. Jedenfalls, und auch darin sind sich beide Korrespondentinnen einig, werden sie in Russland so gesehen.

In Russland werden Journalisten als Soldaten betrachtet.

Wenn also „hybride Kriegführung“ vielleicht ein Begriff sein mag, der aus Anlass des Russland-Ukraine-Konflikts populär wurde, aber nur altbekannte Methoden von Guerilla-Kriegführung beschreibt, so ist das Neue daran wohl der Aspekt der „Informationskriegführung“ mit Hilfe des Web 2.0. Auch das Werkzeug der „geheimnisvollen Fragen“ ist noch aus Zeiten des Kalten Krieges bekannt. Von westlichen Experten „Whataboutism“ genannt, war es die Methode der Sowjetunion, von Fragen über eigene Probleme mit Gegenfragen abzulenken, und die Ursprungsfragen nicht zu beantworten. Auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl angesprochen, brachten sowjetische Offizielle Reaktorunfälle im Westen wie den von Three Mile Island in Pennsylvania zur Sprache, Kritik an der sowjetischen Intervention in Afghanistan drehten diese zu einer Kritik an amerikanischen Interventionen in Nahost und Südamerika um.

Die heute zur Verfügung stehenden Mittel des Web 2.0 erlauben, die Auswirkungen dieses vertuschenden Argumentationsprinzips zu potenzieren. Die Flut von Programmbeschwerden bei ARD und ZDF erschwerten einerseits qua Masse die Arbeit der Journalisten und würden andererseits an deren Selbstverständnis rütteln. Golineh Atai findet, dass „unsere Fähigkeit zu Selbstkritik“ ausgenutzt werde. Gerade die Heimatredaktion könnte die Vielzahl der Eingaben nicht abweisen, sondern sei gezwungen, sie zu beantworten. Am Ende sorgt das sogar für Friktionen zwischen Reportern und Redaktionen, weil diese Kräftebindung bis in den Arbeitsalltag hinein reiche.

Porträtaufnahme von Katrin Eigendorf, ZDF-Korrespondentin in MoskauKatrin Eigendorf sieht sich vor journalistische Existenzfragen gestellt. Foto: BAKS

Diese interne Rückschau hat für Atai als eine Art Selbstreflexion durchaus auch positive Effekte, schließlich sei nicht die gesamte Programmkritik eine gesteuerte Kritik, sondern ebenso Resultat einer innerdeutschen und innereuropäischen Befindlichkeits- und Identitätsdebatte. Deren Stimmungen würden allerdings natürlich auch dadurch geprägt, dass ein großer Player so viele alternative Wahrheiten streue. Probleme, die Eigendorf auch kennt. Sie stellt sich im Nachdenken über ihre Zukunft als Reporterin existenzielle Fragen – ausgelöst vom russischen Informationskrieg.

Über dessen Akteure äußern sich die Moskau-Korrespondentinnen nur vage. Eigendorf erzählt, ihr wurde über Kollegen mitgeteilt, dass die russische Regierung mit ihrer Berichterstattung Probleme habe und man eine „Änderung der Perspektive erwarte“; Atai hat jüngst für die „Tagesthemen“ der ARD von einem Aussteiger aus einer „Trollfabrik“ in St. Petersburg berichtet, aber dabei ausgelassen, wer denn für diese Einrichtung bezahlt. Hinweise, wer den Krieg führt, finden sich nur indirekt.

Denn der Informationskrieg hat auch Auswirkungen in Russland selbst. So etwa versammelten sich einmal wöchentlich die Chefredakteure russischer TV-Medien im Kreml, wie auch „Reporter ohne Grenzen“ über die Lenkung des Fernsehens durch den Staat in Russland schon 2013 berichteten. Für Atai sind nur noch wenige unabhängige russische Quellen übrig geblieben, darunter die „Nowaja Gaseta“ oder der Fernsehsender „Doschd“. Eine Zäsur sei die Umorganisation der staatlichen Auslandsnachrichten von der Agentur „RIA Novosti“ zum Dachunternehmen „Rossija Sewodnja“ im Lauf des vergangenen Jahres gewesen. Besonders aufgrund des enormen Einflusses der Staatsmedien sorgt sich Atai um den psychologischen Zustand der russischen Gesellschaft; Eigendorf hält überhaupt die Zivilgesellschaft des Landes für gelähmt.

Die Akteure des Informationskrieges lassen sich nur schwer identifizieren.

Ob denn Atai und Eigendorf ähnliche Erfahrungen im Information Warfare von ihren ausländischen Kollegen kennen würden? Das verneinten die beiden deutschen Reporterinnen. Franzosen etwa gingen mit vergleichbaren Themen „intellektueller“ um, erklärte Eigendorf. Deutschland spiele umgekehrt aber auch in der russischen Wahrnehmung eine besondere Rolle. Atai hielt fest, dass Deutschland in Russland schon als „Geisel der Amerikaner“ gelte.

Schlussfolgerung beider Russlandjournalistinnen ist, dass sich in der Bundesrepublik eine Bewusstseinswerdung über den „Informationskrieg“ erst durchsetzen müsse. Die stünde noch am Anfang. Und im Verhältnis zu Russland sei eine etwaige „Gegenpropaganda“ eine falsche Reaktion. Gebraucht werde ein russischsprachiger Auslandssender, der mit solider journalistischer Arbeit hilft, auch in Russland eine Fähigkeit zur Selbstanalyse bei seinen Zuschauern zu entwickeln.

Autor: Marcus Mohr