„Die Deutschen müssen einander ihre Geschichte erzählen“

Montag, 17. November 2014

Markus Meckel, Bürgerrechtler und letzter DDR-Außenminister, erinnerte an der Bundesakademie am 5. November an die Wendezeit: Die Freiheit, die die Ostdeutschen erkämpft hatten, machte die Einheit überhaupt erst möglich.

Portraitaufnahme von Markus Meckel, letzter Außenminister der DDR, am Rednerpult im Historischen Saal der Bundesakademie für SicherheitspolitikVon der Opposition im „Arbeiter- und Bauernstaat“ in dessen letzte Regierungsverantwortung: Sozialdemokrat Markus Meckel. Foto: BAKS

Wenn in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden sei, den damaligen Hauptakteuren Bundeskanzler Helmut Kohl, dem sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow und dem amerikanischen Präsidenten George H.W. Bush falle das Verdienst für den Fall der Mauer und die darauffolgende Wende zu, würde der 9. November mit dem 3. Oktober verwechselt werden, also der von den DDR-Bürgern erkämpfte Mauerfall mit dem Tag der deutschen Einheit. Westliche Politiker hätten nach Meinung Meckels zum damaligen Zeitpunkt kein klares Konzept für die Wende gehabt. Erst als der damalige Bundeskanzler Kohl seine Wiederwahl gefährdet sah und die Meinungsumfragen im Westen klar für die Einheit sprachen, machte er die Wende zu seinem Projekt, befand Meckel.

Wichtig war Meckel zudem, die Rolle der Bürgerrechtsbewegung und später der am 18. März 1990 frei gewählten DDR-Regierung hervorzuheben. Oft lese man, die Opposition in der DDR sei gegen die Einheit gewesen, habe diese sogar „verzögert“. Meckel, der selbst zunächst der Opposition angehörte, stellte klar: „Ja. Es gab eine kritische Grundstimmung nicht nur so sein zu wollen, wie der Westen – das musste aber nicht gleichzeitig gegen die Einheit sein.“ Essenziell war für die Bürgerrechtler, dass die Einheit von beiden Seiten gestaltet werden wurde, betonte Meckel. Hierzu bedurfte es aber zunächst eines frei gewählten Parlaments, das das demokratische Bewusstsein im Osten stärken und die Interessen der Ostdeutschen ausreichend und legitimiert vertreten konnte. Für ihn stand fest: „Wir wollten es nicht der nicht von uns gewählten Volkskammer überlassen, ein Wahlgesetz für uns zu verhandeln.“

Noch heute bedauert er allerdings, dass er und seine Oppositionskollegen mit dieser Ansicht in der breiten Bevölkerung auf keine große Zustimmung stießen. „Wir wurden im Grunde als Verzögerer betrachtet. Erst später haben die Menschen verstanden, warum das nötig war. In einem sind wir uns allerdings einig: Die deutsche Einheit war der größte Glücksfall der deutschen Geschichte.“

Kennen wir unsere deutsche Geschichte?

Armin Staigis, Vizepräsident der Bundesakademie, eröffnete die Diskussion mit den Gästen. „Kennen wir uns Deutsche? Kennen wir unsere Geschichte?“, fragte er und merkte kritisch an, dass wir unsere eigene Historie wohl immer noch nicht kennten und sie nur durch das Anhören von Zeitzeugen aufarbeiten könnten. Die Zeitzeugenperspektive beschäftigte auch weitere Zuhörer; vor allem die Rolle der DDR in den im Mai 1990 begonnenen Zwei-Plus-Vier-Gesprächen stieß auf reges Interesse. Meckel hatte als Vertreter der DDR mit der Bundesrepublik und den vier einstigen Besatzungsmächten die Wiedervereinigung ausgehandelt. Die Verhandlungen mündeten am 12. September in den Zwei-Plus-Vier-Vertrag, der neben der deutschen Einheit auch die endgültige Anerkennung mitteleuropäischer Grenzen sowie den Abzug sowjetischer Truppen aus Ostdeutschland regelte.

Markus Meckel versuchte noch einmal die Konstellationen und das außenpolitische Gewicht der DDR aus seiner damaligen Sichtweise nachzuzeichnen. Er gab zu, dass die Stellung Ostdeutschlands von Anfang an schwach war: „Es war klar, dass das Ganze nur über die Einheit läuft. Es war klar, dass einer von beiden Staaten weiter macht und einer sich aufgeben muss. Wenn man mit diesem Wissen in die Verhandlung geht, ist die eigene Position recht schwach.“ Dennoch wollten er und andere Bürgerrechtler die ostdeutschen Interessen auf Augenhöhe vertreten.

Simon Valiente, 15-jähriges Jungtalent der Musikschule Pankow begleitete einfühlsam den Abend – von der „Beunruhigung“ der Wendezeit bis zum heutigen Gedenken an die Deutsche Einheit. Foto: BAKS

Zusätzlich hatten gemäß Meckel die „neuen Kräfte“ die Hoffnung, die Einheitsfrage auch für grundsätzliche Themen nutzen zu können, allen voran für Reformen der NATO sowie für nukleare Abrüstung. Im Rückblick wäre es allerdings naiv gewesen zu glauben, man hätte aus der deutschen Wiedervereinigung ein Instrument machen können, um westliche Grundeinstellungen zu ändern – dafür sei der Prozess auch viel zu schnell gegangen, sagte Meckel mit sichtlichem Bedauern. Auch sei die Kommunikationsstruktur sehr verworren gewesen; die Verhandlungen seien laut Meckel von geheimen Absprachen am Rande und verdeckten Interessen geprägt gewesen, die sich ihm persönlich oftmals nicht erschlossen.

Hochaktuell wurde die Diskussion mit der Frage nach etwaigen damaligen westlichen Versprechungen hinsichtlich der Osterweiterung des westlichen Bündnisses: „Gab es aus Ihrer Sicht eine Zusage an Russland, dass sich die NATO nicht gen Osten ausweitet?“ Meckel kurz und bündig: „Eine solche Abstimmung hat es nie gegeben – Punkt.“ Durchaus gegeben habe es aber private Randgespräche auf Außenministerebene, in denen solche Versprechen formuliert worden wären. Zu unterstreichen sei allerdings, dass es damals noch gar keine Vorstellung davon gab, wie weit die Osterweiterung des Bündnisses heute reichen könnte. „Man hat nur auf die DDR geschaut“, so Meckels Meinung zu den damaligen Gesprächen zwischen den Westmächten und den Sowjets. „Eine NATO-Erweiterung um weitere osteuropäische Staaten war 1990 noch undenkbar.“

Autorin: Debora Behre