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Bundestagsmitarbeiter: Was kann der Bevölkerungsschutz leisten?

Dienstag, 11. Oktober 2016

Solange alles normal läuft, sieht man ihn nicht. Wie gut ist es um den Bevölkerungsschutz für die Menschen in Deutschland bestellt? Politik und Fachleute gingen der Zukunftsfähigkeit der Katastrophenhilfe bei einer Konferenz in der BAKS auf den Grund.

Zwei Kinder sitzen auf einer Bank von Hochwasser umgeben.

Obwohl Deutschland über ein ausgeprägtes Krisen- und Katastrophenschutz-System verfüge, muss man dieses weiter ausbauen. Außerdem müsse damit begonnen werden, einen intensiveren Dialog mit der Gesellschaft zu führen, erläuterte Professor Martin Voss, Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Freien Universität Berlin. Foto: Jivee Blau/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0

Deutschland ist ein katastrophenarmes Land. Daher wird dem Bevölkerungsschutz von vielen Menschen zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. „Dem Bevölkerungsschutz mehr Augenmerk schenken!“, wünschte sich daher Dr. Johannes Richert, Stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuz, im Hinblick auf die Regierungsbildung nach der Bundestagswahl 2017. Ähnlich fiel das Fazit von Professor Martin Voss, Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Freien Universität Berlin, aus. „Gehen Sie mit der Bevölkerung in den Dialog!“, so seine Forderung am Ende einer Diskussionsrunde an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS) zur Zukunft des Bevölkerungsschutzes.

Portraitaufnahme von Gerd Friedsam und Martin Voss in der Diskussion

In ihren Beiträgen betonten Friedsam (links) und Voss (rechts) die Notwendigkeit von gesellschaftlichem Dialog und Ehrenamt für den Bevölkerungs- und Katastrophenschutz. Foto: BAKS/Marcus Mohr

Unter der Überschrift „Zwischen Vulnerabilität und Resilienz. Was bedeutet Bevölkerungsschutz heute?“ hatten die BAKS und das Bundesinnenministerium, in enger Kooperation mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) und der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW) am 5. Oktober 2016 rund 50 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Bundestagsabgeordneten eingeladen, um ihnen das komplexe System des deutschen Bevölkerungsschutzes vorzustellen und seine Zukunftsfestigkeit zu diskutieren.

Zum Auftakt der Veranstaltung setzte sich Voss kritisch mit dem Status Quo und den Perspektiven des Bevölkerungsschutzes in Deutschland auseinander. Seine „Thesen zur Zukunft des Bevölkerungsschutzes“ machten einerseits deutlich, dass Deutschland über ein sehr leistungsfähiges System des Zivil- und Katstrophenschutzes auf Bundes- und Landesebene verfüge; Andererseits bestünde jedoch Handlungsbedarf, um diese Leistungsfähigkeit auch in Zukunft zu erhalten. Anlass zur Sorge gebe vor allem der Rückgang des Ehrenamts, worauf das gesamte System des Bevölkerungsschutzes ruhe.

Panelisten zum Thema „Bevölkerungsschutz: Stand und Perspektiven“

Johannes Richert, Christoph Unger, Franz-Josef Hammerl und Christian Lipicki (v.l.n.r.) - kontroverse Diskussion auf dem Panel zum Thema „Bevölkerungsschutz: Stand und Perspektiven“. Foto: BAKS/Marcus Mohr

Zur Frage der „Resilienz“ machte Franz-Josef Hammerl, Abteilungsleiter im Bundesinnenministerium, deutlich, dass eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über die Risiken der modernen Gesellschaft geführt werden müsse. „Resiliente Gesellschaft“ höre sich etwas hochtrabend an. Es gehe heute schlicht darum, eine ehrliche Diskussion über die tatsächlichen Risiken zu führen, nachdem 25 Jahre so getan worden sei, als ob wir über einen Vollkasko-Staat verfügten. Dem pflichtete Richert aus Sicht der Hilfsorganisationen bei. Er vertrat die Auffassung, dass in Deutschland das Bewusstsein für Selbstvorsorge fehle. Es fehle insoweit auch an der nötigen Aufklärung durch die Politik. Das Thema „Selbst-Resilienz“ werde nicht offen kommuniziert. Man müsse, um sich für die Zukunft zu rüsten, Resilienz vermitteln und lehren, so Richert: „Wir müssen Resilienz erziehen, Bewusstsein für Resilienz schaffen!“

In Zukunft komme es vor allem auch darauf an – darin war man sich einig – die Kultur des Ehrenamts in Deutschland zu erhalten und weiterzuentwickeln. Christoph Unger, Präsident des BBK, führte aus, dass man besonders gute Erfahrungen mit neuen Medien gemacht habe, um Wissen über den deutschen Bevölkerungsschutz an die Öffentlichkeit zu vermitteln.

Ein THW-Mitarbeiter erklärt zwei Teilnehmern die Funktionsweise des Leitstandes.

Um auch zukünftig hochqualitativen Bevölkerungsschutz zu leisten, müssen Anreize geschaffen werden sich ehrenamtlich zu engagieren, so Friedsam. Foto: BAKS/Marcus Mohr

Für eine ehrenamtliche Mitarbeit im Bevölkerungsschutz gelte es, neue Anreize zu schaffen, gleichviel ob bei der Feuerwehr, dem THW, den Rettungsdiensten oder Hilfsorganisationen. Ehrenamtliche Betätigung müsse attraktiver gestaltet werden, Überregulierungen kritisch hinterfragt werden. Gerd Friedsam, Vizepräsident des THW, betonte insoweit die Bedeutung einer gezielten Nachwuchsgewinnung und Jugendarbeit. Zurzeit seien etwa 15.000 Jugendliche in den THW-Ortsverbänden. Entscheidend sei, diese Jugendliche auch für den Übertritt in den aktiven Dienst zu gewinnen.

Am Ende ergab die Diskussion zur Resilienz und Zukunft des Bevölkerungsschutzes, dass es an einer öffentlichen Diskussion zum Bevölkerungsschutz fehle – es benötige nicht nur eine abstrakte Diskussion über das System und die Zukunft des Bevölkerungsschutzes, sondern es mangele vor allem an einer Diskussion mit der Bevölkerung selbst.

Autoren: Norbert Reez, Julia Fuß

Eine BBK-Mitarbeiterin erklärt zwei Teilnehmern ein Beispiel für Vorratshaltung.

Für den Fall einer Krise oder Katastrophe sei es von äußerer Bedeutung vorab richtige Vorsorgen zu treffen. Foto: BAKS/Marcus Mohr