Afrika: Kontinent der Herausforderungen, Kontinent der Chancen

Montag, 12. Juni 2017

Das Kernseminar 2017 ist zu Feldstudien in Äthiopien und Mali aufgebrochen. Im Zentrum der Vorbereitungen stand die Entwicklungspolitik auf dem afrikanischen Kontinent. Dabei wurde eines deutlich: Europas südlicher Nachbarkontinent steht vor einem gewaltigen Wandel, schreibt unser Seminarteilnehmer Christian Thiel.

Zahlreiche afrikanische Frauen und Männder stehen und sitzen bei einem nach oben rechts aus dem Bild ragenden rot gestrichenen Treppenaufgang aus Beton. Vorn stehen zwei Krafträder; im Hintergrund ragt links ein Neubau, rechts improvisierte Stände auf.

Neben Gewaltkonflikten sind mangelnde Lebensperspektiven der Grund für Flucht und Migration aus Afrika. Die Lebensumstände in den über 50 Staaten des Kontinents sind allerdings höchst unterschiedlich. Hier im Bild: eine Straßenszene in Conakry, Guinea.
Foto: Dominic Chavez/World Bank/flickr/CC BY-NC-ND 2.0

Zahlreiche Partnerländer der deutschen Entwicklungspolitik liegen in Afrika. Nicht zuletzt durch die anhaltenden Flüchtlingsbewegungen nach Europa hat der Kontinent in der deutschen Entwicklungspolitik zusätzliche Aufmerksamkeit erlangt. Der Grund für Flucht und Migration innerhalb des Kontinents und nach dem Nachbarkontinent Europa sind neben gewaltsamen Konflikten insbesondere mangelnde Lebensperspektiven vor Ort.

Um die Komplexität entwicklungspolitischer Zusammenhänge und insbesondere die großen Unterschiede in der Entwicklung auf dem afrikanischen Kontinent zu erschließen, besuchte das Kernseminar zunächst das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). In der Tat müsse in die lokalen Lebensperspektiven afrikanischer Gesellschaften massiv investiert werden, so Holger Illi, Referent im Grundsatzreferat für Afrika im BMZ. Hierzu zählten insbesondere Beschäftigungsmöglichkeiten, eine verbesserte Versorgung mit Strom, Wasser und weiterer Infrastruktur, aber auch spürbare Fortschritte bei der Korruptionsbekämpfung und verbesserter Regierungsführung in einer Vielzahl der afrikanischen Staaten.

„Marshallplan mit Afrika“

Das Foto zeigt den Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Thomas Silberhorn

Nur etwa 1.000 der rund 400.000 deutschen Unternehmen seien bislang in Afrika aktiv - Der Parlamentarische Staatssekretär beim BMZ Thomas Silberhorn wies auf ungenutztes Potential hin. Foto: World Trade Organization/flickr/CC BY-SA 2.0

Eine zusätzliche Herausforderung sei das Bevölkerungswachstum Afrikas, dessen Einwohnerzahl sich binnen der nächsten 30 Jahre verdoppeln werde. Der schiere Umfang der benötigten Unterstützung erinnere an die Wiederaufbauleistung nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa. Aus diesem Grunde sei das Konzeptpapier des BMZ für die künftige Zusammenarbeit auch als „Marshallplan mit Afrika“ betitelt worden.

Entwicklungszusammenarbeit allein könne diese Mammutaufgabe jedoch nicht lösen, führte der Parlamentarische Staatssekretär beim BMZ, Thomas Silberhorn in der Diskussion mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Kernseminars aus. Vielmehr müsse auch die Privatwirtschaft in Afrikas Chancen investieren. Potential hierfür sei reichlich vorhanden – auch auf deutscher Seite, denn erst 1.000 der rund 400.000 deutschen Unternehmen engagierten sich bislang wirtschaftlich auf dem afrikanischen Kontinent. Dass Entwicklungspolitik erfolgreich zu spürbar verbesserten Lebensbedingungen beitrage, unterstrich Michael Krake, Leiter des Leitungsstabes im BMZ. So habe sich seit 1990 trotz des globalen Bevölkerungswachstums der Anteil der in Armut lebenden Menschen weltweit halbiert, die Müttersterblichkeit sei spürbar gesunken und die Schulquote weltweit sei von 80 auf 90 Prozent gestiegen. Es bleibt zu hoffen, dass Mitte unseres Jahrhunderts Afrika auf eine ähnliche Erfolgsstory wird zurückblicken können.

Kontroverse Bestandsaufnahme

Das Foto zeigt den Persönlichen Afrikabeauftragten der Bundeskanzlerin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Günter Nooke

Entscheidend sei die Kopplung der Krisenverhütung an die Demokratisierung der afrikanischen Staaten, so der Persönliche Afrikabeauftragte der Bundeskanzlerin Günter Nooke. Foto: Günter Nooke

Am Nachmittag wohnte das Kernseminar in der Berlin-Brandenburgischen Akademie einer Diskussionsveranstaltung unter dem Titel „Nachbarkontinent Afrika: Zwischen Flucht, Migration und wirtschaftlichen Perspektiven“ bei, in der neben einer kritischen Bestandsaufnahme der deutschen Zusammenarbeit auch über die Perspektiven Afrikas diskutiert wurde. Hier kritisierte Reinhard Palm, Abteilungsleiter für Afrika der Hilfsorganisation Brot für die Welt eine noch immer mangelnde Vernetzung der Bundesregierung bei der Prävention von Krisen und deren Bearbeitung. Dies zeige sich an einem unabgestimmten Wettbewerb von Afrika-Konzepten der Bundesregierung. Darüber hinaus habe die Bundesregierung erst zu spät auf die jüngste Dürrekrise in Afrika reagiert.

Günter Nooke, Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin, verwies hingegen auf ein Versagen jener Regierungen auf dem afrikanischen Kontinent, die durch Korruption und repressive Staatsführung ihre Bevölkerungen leiden ließen. Zudem stünden alle Konzepte der verschiedenen Bundesressorts unter dem Leitgedanken, Arbeit und Perspektiven vor Ort schaffen zu wollen. Eine mangelnde Koordination könne demnach nicht vorgeworfen werden. Entscheidend für Afrika sei die Kopplung der Krisenverhütung an die Demokratisierung der Staaten, so Nooke. Gleichzeitig machte er deutlich, dass in akuten Krisen wie der Hungerkrise in der Sahelzone humanitäre Aspekte Vorrang haben müssten: „Die Menschen dürfen nicht auf dem Weg zu Wahlurne verhungern.“

Plädoyer für eine dynamischere Entwicklungszusammenarbeit

Das Foto zeigt zwei afrikanische Männer, einer in kaufmännischer Kleidung im Hintergrund stehen vor einer Digitalanzeige von Börsenkursen, einer im Vordergrund mit einem Mobiltelefon am Ohr.

Der Wandel auf dem afrikanischen Kontinent vollzieht sich vielerorts äußerst dynamisch. Hier im Bild: die Börse Ghanas in Accra 2006. Foto: Jonathan Ernst/World Bank/flickr/CC BY-NC-ND 2.0

James Shikwati, Direktor des Inter Region Economic Network (IREN) in Nairobi forderte ein Umdenken in der Entwicklungszusammenarbeit weg von der „development cooperation“ hin zu „disruptive cooperation“. Die klassische Entwicklungszusammenarbeit mit ihren langfristigen Planungshorizonten sei zu langsam für den dynamischen Wandel Afrikas. Vielmehr müsse in jene Bereiche besonders stark investiert werden, welche die gesellschaftliche und wirtschaftliche Transformation des Kontinents am stärksten beeinflussten. Die Frage, wie sich diese Felder identifizieren lassen, konnte allerdings nicht abschließend diskutiert werden.

Insgesamt zeigte der Tag, dass es in Deutschland weder an gutem Willen noch Konzepten mangelt, wenn über die Zukunft Afrikas nachgedacht wird. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass der Großteil des bevorstehenden Wandels in Afrika selbst geleistet werden muss. Der wichtigste und gleichzeitig schwerste Schritt wird dabei die Befriedung und Demokratisierung sein, denn ohne Sicherheit gibt es keine Entwicklung und ohne Entwicklung keine langfristige Sicherheit.

Autor: Christian Thiel