Sicherheitspolitik vor der Haustür: Kernseminar in Neukölln

Mittwoch, 28. Juni 2017

Innere Sicherheit vor globalen Herausforderungen: Mitte Mai verschaffte sich das Kernseminar plastische Eindrücke im Berliner Stadtteil Neukölln und sprach mit der Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey sowie mit Lehrern, Polizisten und anderen im Kiez engagierten Akteuren. Hier schildert ein Seminarteilnehmer seine Eindrücke.

Vor einem Eckladengeschäft mit einer alten Straßenlaterne und Plasterstraße davor stehen und gehen zahlreiche Menschen verschiedener Herkunft und verschiedenen Alters, mehrere mit Fahrrädern; die gesamte Szene mutet durch Graffiti rauh und bunt an.

Immer was los: Neukölln ist ein so dynamischer wie ambivalenter Bezirk Berlins.
Foto: Mike Herbst/flickr/CC BY-SA 2.0

Unter dem strengen Blick des ersten Bürgermeisters von Rixdorf (heute Neukölln), Hermann Boddin (1899-1907), empfing uns seine derzeitige Nachfolgerin, die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey im Rathaus des teils hippen, teils problematischen, auf jeden Fall aber größten Berliner Bezirks, um mit uns Fragen der inneren Sicherheit auf lokaler Ebene zu diskutieren. Unterstützt wurde sie von Arnold Mengelkoch, dem Integrations-beauftragten des Bezirks, sowie Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Organisationen, die sich dem Miteinander von Migranten und Einheimischen verschrieben haben.

Neukölln als Synonym gesellschaftlicher Ambivalenz

Rechts im Bild ragt das steingemauerte Rathaus Neukölln mit seinem Turm auf, links die Wand eines mehrstöckigen modernen Gebäudes; in der Mitte ist eine breite Straße erahnbar und eine Verkehrsampel, auf der zahlreiche Tauben sitzen, sichtbar.

Eine Station der Exkursion: das Rathaus Neukölln im Zentrum des Bezirks. Foto: Gabriele Kantel/Jörg Kantel/flickr/CC BY-NC-ND 2.0

Warum Neukölln? Die Arbeitslosenquote in Neukölln ist mehr als doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Fast ein Drittel der Einwohner empfängt staatliche Transferleistungen. Und eine Besserung scheint nicht in Sicht, zum Beispiel da 54 Prozent der Jugendlichen in Nord-Neukölln die Schule ohne oder nur mit einem Hauptschulabschluss verlassen. Gleichzeitig explodieren die Mietpreise und die Zuzüglerzahlen schnellen in die Höhe. Dass die Neuankömmlinge seit Jahrzehnten oft bildungsfern sind und zuweilen auch fremde Wertvorstellungen mitbringen, macht die Sache nicht leichter. Gleichzeitig macht sich Neukölln zunehmend einen Namen als Hipsterland und gilt durch den ebenso ansteigenden Zuzug von Besserverdienenden als Konzentrationspunkt der Gentrifizierung. In dieser Melange stehen Fragen sowohl der Integration als auch der Sicherheit für die Bürgermeisterin an erster Stelle.

Herr Boddin würde die junge Frau Dr. Giffey um deren Arbeitsalltag wohl kaum beneiden: Gerade erst forderte eine Fehde in einer arabischen Großfamilie ein Todesopfer und Linksextremisten verätzten wegen des bevorstehenden G20-Gipfels in Hamburg den Rasen des Körnerparks. Zu Boddins Zeit wurden lediglich Mädchen aus Roma-Familien mit 13 Jahren verheiratet – heute gilt das in Neukölln leider auch für manche Familien aus anderen Kulturkreisen. Doch Giffey will mit solchen Traditionen brechen.

Integration braucht klare Ansprache und das Engagement aller Beteiligten

Mehrere Kinder schwimmen mit langen dünnen zylindrischen bunten Schwimmhilfen in einem Schwimmbecken; im Hintergrund ragt hinter Schwimmstartblöcken die Glasfassade des Schwimmbads auf.

Gleichberechtigung beginnt schon im Kleinen - zum Beispiel in Schwimmkursen, an denen Mädchen und Jungen gemeinsam teilnehmen. Foto: holding graz/flickr/CC BY 2.0

Arrangierte Ehen würden ebenso wenig toleriert wie im Ramadan fastende Grundschüler. Hier werde nicht diskutiert, sondern mit klarer Ansprache reagiert. In besonders drastischen Fällen werde jungen Frauen sogar eine neue Identität verschafft, damit sie sich aus patriarchalen Strukturen befreien können. Doch Gleichberechtigung beginnt auch schon im Kleinen, zum Beispiel mit der Verpflichtung zum vorbereitenden Schwimmkurs. Die bereits erwähnte Bildungsferne vieler Zuwanderer erschwere es jedoch erheblich, allen Kindern und Jugendlichen faire Chancen einzuräumen.

Daher ist der vorbereitende Schwimmkurs auch nur eines von vielen Projekten zur Integrationsförderung. Viele dieser Projekte zielen auf die Bildung der Neuköllner Migranten, so zum Beispiel die Stadtteilmütter, die sich uns ebenfalls vorgestellt haben. Die Stadtteilmütter versuchen Migrantenfamilien bei ganz praktischen Fragen des Alltags zu unterstützen, ihnen die Berührungsängste vor der deutschen Gesellschaft zu nehmen und die Integration der Familien in Deutschland zu fördern. So werben sie unter anderem dafür, möglichst schnell Deutsch zu lernen oder die Kinder sofort in die Kita zu schicken. Es gibt Familien, in denen diese Bemühungen gegen eine Wand laufen, es gibt aber auch Familien, die sie dankbar annehmen - hier zeigt sich abermals die große Ambivalenz des Bezirks.

Wie im Brennglas: Blick in eine Neuköllner Grundschule

Eine weitere Station: Die Grundschule an der Köllnischen Heide unterrichtet zu 95 Prozent Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Foto: BAKS

Dass es in Neuköllner Kitas und Schulen nicht nur um reine Wissensvermittlung geht, war auch schon bei dem vorangegangenen Besuch in der Grundschule an der Köllnischen Heide deutlich geworden – eine Schule, in der 95 Prozent der Schüler aus Familien stammen, die Transfergelder empfangen stammen und 95 Prozent über einen Migrationshintergrund verfügen – Neukölln im Brennglas. Auf den ersten Blick mangelt es dieser Schule an nichts: Schicke Apple-Computer, ein gepflegter Sportplatz, Springbrunnen und liebevoll eingerichtete Spiel- und Klassenzimmer widersprechen komplett den gängigen Vorstellungen von verwahrlosten Berliner Schulen.

Im Gespräch mit Lehrern, die nach eigenem Bekunden „an der Front“ arbeiten, ergab sich jedoch ein anderes Bild: Auch in Neukölln fehle es an Erziehern und Lehrern, vor allem jedoch fehle das Mitwirken der Elternhäuser. „Die Kinder haben zuhause null Unterstützung“, beklagt die Schulleiterin – „Manche Kinder haben nicht mal ein eigenes Bett.“ In den Ferien würden die Kinder komplett allein gelassen, manche besuchten die nahegelegene al-Nur-Moschee und kämen zum Start des neuen Schuljahres mit salafistischem Gedankengut in die Schule zurück. Für die Lehrer sei es dann oft schwer, ihre Wertvorstellungen und Bildungsziele an die Kinder weiterzugeben. Auch arabische Clanstrukturen und der stetige Zuzug von Ehegatten aus dem Herkunftsland erschwerten die Integration, da man „unter sich“ bleibe. Positiver sähe es allerdings bei in den letzten Jahren zugezogenen Flüchtlingskindern aus. Hier treffe man häufiger auf bildungsaffine und motivierte Eltern, denen es wichtig sei, dass ihre Kinder möglichst gute Startchancen bekommen.

Gefordert: Personal und Vernetzung

Zahlreiche Menschen stehen und gehen entlang einer Einkaufsstraße in Berlin-Neukölln.

Zurückhaltende aber konsequente Präsenz der Polizei, hier links im Bild, erfordert Personal. Foto: Mike Herbst/flickr/CC BY-SA 2.0/Bildausschnitt

Das sieht auch Bürgermeisterin Giffey so, die gerade von der Eröffnung einer Jobmesse für Flüchtlinge kommt. Die Flüchtlinge brächten dem Stadtteil – ebenso wie die jungen Hipster in „Kreuzkölln“ – neue Impulse. Allerdings verschärften sie auch die Konkurrenz um Jobs und Wohnungen mit den bereits früher Zugewanderten. Einem Infoblatt des Bezirksamts Neukölln zufolge leben allein in den drei Neuköllner Flüchtlingsunterkünften knapp 1.300 Geflüchtete. Im Kiez wurden im Zuge der Migrationskrise über 70 Willkommensklassen eingerichtet. Danach kommen die Kinder in Klassen, in denen ohnehin schon im Schnitt 80 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben.

Wen wundert es da, dass den Neuköllner Integrationsbeauftragten Mengelkoch nicht zuletzt der Mangel an Deutschlehrern umtreibt? Überhaupt scheint es in Neukölln meist nicht primär an Geld sondern an geeignetem Personal zu mangeln. Dies zeigt sich nicht zuletzt bei der Kriminalitätsbekämpfung. Denn wo soziale Konflikte und Perspektivlosigkeit um sich greifen, steigt die Kriminalität. Auch hier setzt die Bürgermeisterin auf klare Regeln: Zur Not müsse es eben Wachschutz an Schulen geben, Sachbeschädigungen müssten bestraft und Drogenumschlagplätze zerschlagen werden. Ließen sich diese Regeln durchsetzen, seien durchaus die Voraussetzungen für Erfolg geschaffen, siehe die ehemals berüchtigte Rütli-Schule. Hilfreich wäre es daher, wenn Polizei und Ordnungsamt mehr Personal bekämen. Doch allein mit Personal lasse sich die Neuköllner Problemgemengelage auch nicht lösen – zentral sei, dass die verschiedenen Akteure eng zusammenarbeiteten. Auch auf lokaler Ebene lautet also das Zauberwort der Sicherheitspolitik Vernetzung.

Autor: Redaktion