„Junge Sicherheitspolitiker“ besuchen Marinekommando und U-Bootwerft

Mittwoch, 6. Juni 2018

Einblicke aus erster Hand: Die Informationsreise "Marine" führte den Arbeitskreis "Junge Sicherheitspolitiker" der BAKS ins Marinekommando nach Rostock und in die Kieler Werft
des Unternehmens thyssenkrupp Marine Systems.

Auf einem Werftgelände am Wasser liegen mehrere Unterseeboote im Bau an Land; darüber ragen große Werftkräne auf.

Das Unternehmen thyssenkrupp Marine Systems baut in Kiel Unterseeboote für die deutsche Marine und für den Export. Foto: Copyright thyssenkrupp Marine Systems.

„Was ist uns die äußere Sicherheit wert?“ fragte Konteradmiral Thorsten Kähler den Arbeitskreis „Junge Sicherheitspolitiker“ zum Auftakt der Informationsreise „Marine“. Der Admiral ist Chef des Stabes im Marinekommando, welches 2012 als oberste Führungsinstanz der Deutschen Marine in Rostock aufgestellt wurde. Kähler erinnerte daran, dass die Weltmeere stets ein Ort politischer und geostrategischer Interessen gewesen seien. Für die Sicherheit Deutschlands käme damit der „Dimension See“ auch in Zukunft eine bedeutende Rolle zu. Zugleich hingen auch der globalisierte Handel und damit der Wohlstand der Bundesrepublik entscheidend von freien Seewegen ab. Wenn Seeverbindungen durch Konflikte unterbrochen sind, habe dies unmittelbare Folgen für Deutschland sowie für die gesamte Europäische Union.

Zwei Männer in Marineoffizieruniformen sitzen an einem Tisch mit Tagungsunterlagen und sprechen zum Betrachter.

Konteradmiral Kähler (links), Marinesprecher Kapitän zur See Johannes Dumrese und weitere Offiziere führen den Arbeitskreis in die gegen-wärtigen Herausforderungen der Marine ein.
Foto: BAKS/Nieke

Der Marine kämen vor diesem Hintergrund vielfältige Aufgaben zu, die von der Landes- und Bündnisverteidigung über die Pirateriebekämpfung bis hin zur Seenotrettung reichten. Aktuell gelte es für die Marine vor allem, „nach Jahren des Sparens zu lernen, wieder zu wachsen“ sagte der Admiral – nur so könnten die bestehenden Verpflichtungen gegenüber den Vereinten Nationen, der NATO und der EU erfüllt werden. Vor dem Hintergrund der gewandelten Bedrohungssituation in Osteuropa und anhaltender Konflikte im Mittelmeerraum erhöht die Bundesrepublik derzeit den Verteidigungshaushalt, was auch ihren Seestreitkräften zugutekommt.

Die Herausforderung: Einsatzverpflichtungen und Bündnisverteidigung zugleich

Im Marinekommando wird global gedacht. Nicht nur ist die Marine bereits in vielen Auslandseinsätzen involviert. Es gilt zugleich die sicherheitspolitischen Entwicklungen zahlreicher Seeräume im Auge zu behalten – sowohl näherer wie im Mittelmeer oder in der Ostsee als auch weiter entfernterer, wie im Persischen Golf oder im Südchinesischen Meer. Was das in der Praxis bedeutet, stellten den „Jungen Sicherheitspolitikern“ mehrere Marineoffiziere aus verschiedenen Arbeitsbereichen des Kommandos vor. Grundlegend für das Verständnis, so die Darstellung der vortragenden Offiziere, seien die gegenwärtigen Verpflichtungen der Marine sowohl in zahlreichen Einsätzen als auch für die Landes- und Bündnisverteidigung im NATO-Rahmen. Als Beispiele für derzeitige Einsatzschwerpunkte ging ein Referent der Operationsabteilung zunächst auf die EU-Marineoperation „Sophia“ zur Aufklärung von Schleusernetzwerken und zur Seenotrettung im Mittelmeer sowie auf den Einsatz in der Ägäis ein, wo die NATO auf See zum Lagebild der griechischen und türkischen Küstenwachen sowie der EU-Grenzschutzbehörde Frontex beiträgt.

Ein Festrumpfschlauchboot mit Soldaten und eine Rettungsinsel voller Menschen liegen an der Bordwand eines Militärschiffs.

Vielschichte Aufträge fordern "abwärtskompatible" Schiffe: Die Fähigkeit zur Seekriegsführung bleibt das Grundprinzip der Marine, doch zugleich sind weitere Aufgaben, wie zum Beispiel die Seenot-rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer zu bewältigen. Foto: Bundeswehr/Jonack

Ein anderer Vortragender widmete sich den aktuellen Herausforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung mit Blick auf Osteuropa. Der Schwerpunkt seiner Betrachtung lag auf der Ostsee. Deren strategische Bedeutung habe in den vergangenen Jahren für die NATO wieder stark zugenommen, denn nur über ihre Seewege wäre im Konfliktfall der Zugang zu den NATO-Partnern und den eigenen Truppen im Baltikum sicherzustellen, gab der Offizier zu bedenken. Das von den Offizieren der Marineführung gezeichnete Gesamtbild war eindeutig: Die Aufgaben sind vielschichtig, während zugleich die Fähigkeit zur Seekriegsführung das Grundprinzip der Marine bleibe. Die deutschen Schiffe seien deshalb stets auch „abwärtskompatibel“ angelegt, um das volle Aufgabenspektrum unterhalb militärischer Auseinandersetzungen erfüllen zu können – zum Beispiel bei der Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer.

Diskussion um Materialsituation der Marine

Vor dem Hintergrund der aktuellen Schlagzeilen zur Materiallage der Bundeswehr hatte der Arbeitskreis zahlreiche Fragen zur Situation in der Flotte. Der Sprecher des Inspekteurs der Marine, Kapitän zur See Johannes Dumrese, führte dazu aus, dass die Einsatzbereitschaft der Deutschen Marine generell auf einem guten Niveau sei. Laufende Einsätze sowie einsatzgleiche Verpflichtungen, wie beispielsweise die Beteiligung an den ständigen maritimen Einsatzverbänden der NATO, seien im geplanten Umfang sichergestellt, so Kapitän Dumrese. Gleichzeitig hätte allerdings eine Verkettung von fortlaufenden Modernisierungen bei der Flotte, der verzögerte Zulauf neuer Systeme und ein chronischer Mangel an Ersatzteilen gerade angesichts der umfassenden Einsatzverpflichtungen eine bisweilen sehr kritische Kommentierung in der Presse nach sich gezogen. „Solche komplexen Sachverhalte müssen erklärt werden“, sagte der Kapitän. Die Marineführung treibe die Modernisierung und Instandhaltung voran; diese Maßnahmen würden jedoch erst mittel- bis langfristig spürbar werden, erläuterte der Kapitän.

Blick in eine U-Bootwerft

Ein Unterseeboot fährt aufgetaucht bei diesigem Wetter durch leicht unruhige See. Am Horizont dahinter sind eine Leuchtbake und ein Frachtschiff erkennbar.

Derzeit nutzen die Marinen Deutschlands und Italiens das von thyssenkrupp Marine Systems gebaute U-Boot vom Typ 212A. Die deutschen Boote waren zwischenzeitig nicht einsatzbereit, was in der Presse sehr kritisch kommentiert wurde. Foto: Copyright thyssenkrupp Marine Systems

Am zweiten Tag der Informationsreise ging es für den Arbeitskreis weiter nach Kiel, wo der deutsche Industriekonzern thyssenkrupp mit seiner Sparte Marine Systems U-Boote für die Bundeswehr und für den Export baut. Eine Einführung in die Strukturen des Konzerns und im Besonderen in die U-Bootproduktion am Standort Kiel bot Andreas Burmester, der in leitender Funktion der Geschäftsführung auch für die technische Dimension der Marinesparte verantwortlich ist. Burmester stellte in seinem Vortrag insbesondere eine über Jahrzehnte gewachsene industrielle Expertise für den U-Bootbau und das eigene Konzept modularen Marineschiffbaus heraus, welches an wechselnde Auftrags- und Bedrohungslagen angepasst werden könne.

Dabei verwies er nicht ohne Stolz auf die Nutzungsdauer der eigenen Produkte: „40 Jahre Lebenszeit und mehr für ein maritimes System sind für uns kein Problem“, so Burmester. Im Anschluss daran erhielten die Arbeitskreismitglieder eine Führung, bei der sie die Arbeitsschritte der U-Bootproduktion vom Schweißen der ersten Spanten und Sektionen über den Einbau der technischen Geräte bis zur Endproduktion und späteren Wartung nachvollzogen. Ein langjähriger Mitarbeiter des Unternehmens führte die Gruppe durch die Werft und nahm sich viel Zeit, von seiner Arbeit zu berichten.

Zusammenschau bietet differenziertes Bild

Zahlreiche geschäftlich gekleidete Menschen, darunter drei Uniformträger, stehen vor einem Gebäude mit der Aufschrift "Inspekteur der Marine".

Gruppenbild mit Konteradmiral Thorsten Kähler (Mitte), der als Chef des Stabes im Marine-kommando die Gruppe in Rostock begleitete.
Foto: PIZ Marine

Die „Informationsreise Marine“ bot den Teilnehmenden sowohl neue Perspektiven auf die Deutsche Marine als auch auf Teile der maritimen Verteidigungsindustrie. „Für die Meinungsbildung ist es immer nützlich, mit unterschiedlichen Interessenvertretern ins Gespräch zu kommen“, sagte der Vorsitzende des Arbeitskreises Christian Klein. Der Austausch im Marinekommando sei hilfreich für das Verständnis der vielfältigen Aufgaben der Marine gewesen und habe insbesondere die hohe Abhängigkeit Deutschlands von freien Seewegen gut vor Augen geführt. „Durch die Gespräche mit den Industrievertretern erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Exkursion Einblicke in die Arbeit eines U-Boot-Produzenten, der für Arbeitsplätze und Spitzentechnologie am Standort Kiel steht“, sagte Klein, weiter. In der Zusammenschau trug die Reise auch zur Einordnung der gegenwärtigen Debatten um die Materiallage der Bundeswehr und die Entwicklung der Verteidigungsindustrie bei. So wurde deutlich, dass sowohl im Marinekommando als auch seitens der Industrie mit Blick auf eine nachhaltige Planung in bis zu Zehn-Jahres-Schritten gedacht wird, was wiederum in einer von Beschleunigung geprägten Medienöffentlichkeit oft schwierig zu kommunizieren ist.

Der Arbeitskreis „Junge Sicherheitspolitiker“ wurde im April 2015 als ein gemeinsames Projekt der Bundesakademie für Sicherheitspolitik und des Freundeskreises der BAKS gegründet. Er fördert gezielt junge Führungskräfte aus Politik, Behörden und Gesellschaft. Neben seinen Veranstaltungen in Berlin trifft der Arbeitskreis regelmäßig im Rahmen von Informationsreisen mit Vertretern von Ministerien, Sicherheitskräften und anderen Akteuren in Deutschland zusammen, um sich über ihre Arbeit zu informieren und aktuelle sicherheitspolitische Themen zu diskutieren.

Autoren: Philipp Fritz und Sebastian Nieke