Arbeitspapiere

Die Rüstungsindustrie im Blick der Öffentlichen Meinung: Sicherheit als Leistungserwartung

28/2018
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Das Image der Verteidigungswirtschaft in Deutschland ist eher negativ besetzt. Eine kürzlich abgeschlossene Studie zeigt nun, dass die Gründe hierfür nicht primär in einer ethisch motivierten Ablehnung des Themengebiets Rüstung zu suchen sind. Viel wirkungsmächtiger sind stattdessen vor allem eine fehlende Anerkennung des Beitrags der Rüstungsindustrie zur Gewährleistung äußerer Sicherheit sowie auch die Furcht, Rüstungsexporte könnten die Sicherheitslage in Deutschland beeinträchtigen. Die Wahrnehmung von Rüstungsthemen durch die Bevölkerung wird also stark von deren Erwartungen in Bezug auf den Leistungsgegenstand „Sicherheit“ überformt.

Rüstung gehört in der öffentlichen Wahrnehmung zu den eher negativ besetzten Themen. Beispielsweise ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov vom Mai 2018, dass knapp zwei Drittel der Befragten jegliche Waffenexporte kategorisch ablehnen.1 Es ist zwar naheliegend, diese eindeutige Haltung auf eine tiefwurzelnde Skepsis der Deutschen gegenüber allem zurückzuführen, was mit Kriegswaffen und Militär zu tun hat. Aber ist dieser kategorische Imperativ wirklich der Kern der Mehrheitsmeinung?

Exploration des Images der Verteidigungswirtschaft in Deutschland

Jenseits tagesaktueller Meinungsumfragen zu Rüstungsexporten gibt es kaum dezidierte Untersuchungen darüber, wie die Deutschen über den Themenkomplex Rüstung, also über Rüstungsgüter und die Rüstungsindustrie denken. Insbesondere wie die Unternehmen der Verteidigungswirtschaft in Deutschland von der Bevölkerung wahrgenommen werden, ist bislang kaum betrachtet worden. Diese Forschungslücke konnte nun durch eine von der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik geförderte Studie geschlossen werden. Aufgrund der relativen Unerforschtheit des zu untersuchenden Terrains wurde in dieser Studie ein exploratives Forschungsdesign gewählt, in dem die Ergebnisse einer qualitativen Vorstudie durch eine bundesweit repräsentative Bevölkerungsumfrage überprüft, zueinander in Relation gesetzt und gewissermaßen „quantifiziert“ wurden.2

Wenig überraschend zeigte sich, dass die Rüstungsindustrie in Deutschland über kein besonders gutes Image verfügt. 43 Prozent der Befragten berichteten, sie hätten ein negatives Bild von der Branche, demgegenüber stehen nur 17 Prozent mit einer positiven Wahrnehmung. Dieses Meinungsbild war zu erwarten, in der Studie interessierten daher besonders die dahinterstehenden Gründe. Die qualitative Vorstudie brachte hier verschiedene, auf das Image des Geschäftsfelds der Verteidigungswirtschaft in Deutschland bezogene Wirkungskategorien zutage. Am bedeutendsten erwiesen sich auf die Sicherheitslage in Deutschland bezogene Überlegungen. Die Wahrnehmung von Rüstungsthemen wird somit weniger von moralischen Grundsatzurteilen prädisponiert denn von eigeninteressegeleiteten, sicherheitspolitischen Überlegungen geformt. Negativ auf das Image der Branche wirkt sich demnach die Wahrnehmung aus, dass Waffenexporte insbesondere in Krisenregionen die Sicherheitslage in Deutschland beeinträchtigten, Konflikte also importiert werden könnten. Umgekehrt wirkt die Auffassung positiv auf die Wahrnehmung der Branche, die Produkte der wehrtechnischen Industrie stifteten Sicherheit für Deutschland, wenn nur die Bundeswehr gut damit ausgerüstet werden würde. Es geht also nicht oder nur zu geringen Teilen um eine moralische Verurteilung, sondern es handelt sich um eine durchaus interessegeleitete Argumentation. Dabei haben sich die Probanden sehr differenziert gegenüber dem Thema geäußert und die Ablehnung von Rüstung ist bei weitem nicht so monolithisch wie es die vielen demoskopischen Momentaufnahmen suggerieren.

Aus diesen und weiteren Befunden wurde in einem weiteren Schritt ein Aussagensystem erstellt, das im Rahmen einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung getestet wurde. Auf die beiden eben berichteten Auffassungen bezogen ergibt sich ein eindeutiges Bild: 69 Prozent der Wohnbevölkerung in Deutschland sind der Meinung, dass Rüstungsexporte die Sicherheitslage in Deutschland verschlechtern würden. Zu groß ist die Angst, wie sich aus der qualitativen Vorstudie ergibt, dass exportierte Waffen irgendwann einmal gegen Deutschland oder gegen Deutsche eingesetzt werden könnten. Ergänzend zu diesem sicherheitspolitischen Grundgedanken lehnen es aber 62 Prozent der Befragten ab, dass Deutschland auf eine eigene Rüstungsindustrie verzichten sollte. Schließlich, so die Meinung der Öffentlichkeit, brauche man eine nationale Rüstungsindustrie, um die eigenen Streitkräfte auszurüsten und das Land vor äußeren Gefahren zu schützen – die in der eingangs zitierten YouGov-Studie ermittelte Ablehnung jeglicher Rüstungsexporte ist mit diesen Zahlen übrigens gut vergleichbar.

Dimensionen und Faktoren der Wahrnehmung der Verteidigungswirtschaft

Das zur Erhebung der Wahrnehmung der Verteidigungswirtschaft entwickelte Aussagensystem umfasst jedoch viel mehr Aspekte als nur die beiden genannten Befunde. Eine weitergehende Analyse der Befragungsergebnisse mit statistischen Verfahren brachte dabei eine insgesamt vier Dimensionen umfassende Tiefenstruktur der Bestimmungsgründe des Images der Verteidigungswirtschaft zutage. Diese Bestimmungsgründe können dabei durchaus als Statthalter der rüstungsbezogenen Auffassungen der Bevölkerung insgesamt herangezogen werden. Die mit Abstand mächtigste Dimension, welche von allen den größten Anteil der Bandbreite des Wahrnehmungsraums der Befragten zum Thema erklären kann, lässt sich am besten als sicherheitspolitisch-ökonomische Wertschätzung der Verteidigungswirtschaft beschreiben. Sie bildet sich aus positiven Bewertungen von Exporterfolgen, zum Wirtschaftsfaktor wehrtechnische Industrie sowie insbesondere zum Schutzaspekt von Wehrtechnik zur Landesverteidigung – gleichsam als zentrales Leistungsversprechen der Branche. Außerdem fließt hier die Anerkennung wehrtechnischer Produkte als Innovationstreiber für zivile Entwicklungen ebenso ein wie die Ablehnung des Verzichts auf eine nationale Rüstungsindustrie. Man könnte sagen: die Art und Weise wie jemand den sicherheitspolitischen und ökonomischen Nutzenbeitrag der Verteidigungswirtschaft für die Bewohner dieses Landes wahrnimmt und bewertet, hat einen relativ großen Einfluss auf das Image der Branche. Sie wird gewissermaßen an einem mit ihr assoziierten, sicherheitspolitischen Leistungsversprechen gemessen.

Die zweitstärkste Dimension ist im Vergleich deutlich weniger gewichtig. Inhaltlich beschreibt sie die bereits thematisierte Auffassung, Rüstungsexporte könnten die Sicherheitslage in Deutschland beeinträchtigten. Hier fusionieren die Angst, dass Rüstungsgüter in die falschen Hände gelangen könnten, mit der Meinung, die wehrtechnische Industrie in Deutschland dürfe nur die Bundeswehr beliefern und sonst niemanden. Diese Dimension bildet gewissermaßen eine Art Grundangst ab, dass von der Tätigkeit der Verteidigungswirtschaft in Deutschland auch Gefahren für das Land ausgehen können.

Die dritte Dimension schließlich beschreibt ein moralisches (Vor-) Urteil gegenüber der Verteidigungswirtschaft. Konkret sind dies die Auffassungen, die Rüstungsindustrie sei besonders von Profitgier geprägt und wolle sich vor der Öffentlichkeit verbergen, weil es eben etwas zu verheimlichen gebe. Moralische Grundhaltungen spielen somit durchaus eine Rolle in der Wahrnehmung der Rüstungsindustrie, aber nur eine untergeordnete. Die vierte Dimension wird im Wesentlichen nur aus einem Faktor gebildet, nämlich der Zuschreibung der Verantwortung für Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr an die Unternehmen der Verteidigungswirtschaft. Damit ist letztendlich gemeint, dass Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr auch auf den Ausrüster zurückfallen können und so letztlich auch einen Einfluss auf die Gesamtwahrnehmung der Branche besitzen.

In einem nächsten Schritt wurde aus den vier Dimensionen des Images zusammen mit verschiedenen Kontrollvariablen ein Strukturgleichungsmodell geformt und die Vorhersagekraft getestet, wie gut es denn nun die Ausprägung des Images der Rüstungsindustrie erklären kann. Oder anders ausgedrückt: wenn von einer Person bekannt ist, wie ihre Haltung unter anderem zu den vier Dimensionen des Images ist, wie gut kann das Modell dann vorhersagen, ob sie positiv oder negativ von der Verteidigungswirtschaft denkt? Die gemessene Vorhersageleistung ist dabei für ein exploratives Modell recht ordentlich, lassen sich hierdurch doch 53 Prozent der Streuung des Gesamtimages der Rüstungsindustrie erklären.

Als Kontrollvariablen wurden zum einen die politische Selbsteinschätzung auf einer Links-Rechts-Skala und das jeweilige Interesse der Befragten an Wehrtechnik verwendet, weil hier teilweise starke Korrelationen mit den einzelnen Items des Aussagensystems gemessen werden konnten. In der Gesamtbetrachtung erwies sich der Erklärungsbeitrag dieser Kontrollvariablen aber als vernachlässigbar. Zum anderen wurde etwas berücksichtigt, das man als Teilaspekt einer Schweigespirale auffassen kann. Menschen neigen nämlich auch dazu, sich in ihren eigenen Überzeugungen auch an den tatsächlichen oder vermuteten Überzeugungen der Mehrheit zu orientieren. Diese erzeugen gleichsam eine gefühlte gesellschaftliche Erwartungshaltung an den einzelnen. Und da das von den Befragten erwartete Bild der Verteidigungswirtschaft in der Gesellschaft deutlich negativer ist, als das eigene Bild, war auch hier ein zusätzlicher Effekt zu erwarten.

Die statistische Analyse bestätigte diese These. Abbildung 1 zeigt die Gewichtung der Einflussfaktoren auf das Image im Rahmen eines linearen Strukturgleichungsmodells unter Einschluss der teilweise mit den Imagefaktoren korrelierenden Kontrollvariablen.

Abbildung 1. Gewichtung der Einflussfaktoren auf das Image der Rüstungsindustrie

Aus der Betrachtung der Einflussfaktoren ergibt sich folgendes Bild:

  1. Die gesellschaftliche Wertschätzung des sicherheitspolitischen und ökonomischen Nutzenbeitrags der Verteidigungswirtschaft wirkt stark positiv auf das Image der Branche (und ein Fehlen dieser Wertschätzung beziehungsweise eine Geringschätzung dieses Beitrags entsprechend negativ). Der Erklärungsbeitrag dieses Faktors alleine ist dabei größer als der aller anderen gemessenen Faktoren zusammen.
  2. Die Furcht vor Beeinträchtigungen der Sicherheitslage wirkt negativ auf das Image.
  3. Abwertende moralische Urteile wirken – etwas schwächer – auch negativ auf das Image.
  4. Die Erwartung, dass ein negatives Bild der Verteidigungswirtschaft in der Öffentlichkeit vorherrscht, hat ebenfalls eine negative Wirkung auf das berichtete eigene Gesamtbild von der Branche. Dies bedeutet, dass ein negatives Image in gewisser Weise als soziale Norm anzusehen ist, die im Sinne einer sozialen Erwünschtheit das eigene Bild von der Verteidigungswirtschaft beeinträchtigt.
  5. Die Zuschreibung der Verantwortung für Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr wirkt ganz leicht negativ auf das Branchenimage.

Fazit

Die Verteidigungswirtschaft in Deutschland wird in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem daran gemessen, inwieweit sie der Leistungserwartung gerecht wird, einen Beitrag zur Sicherheit in Deutschland zu leisten. Die Art und Weise, wie die Branche diese Leistungserwartung erfüllt und dieses erwartete Leistungsversprechen kommuniziert, liegt natürlich in ihrer Verantwortung, die Begleitmusik spielen jedoch politische Entscheidungen zu Rüstungsexporten und zur Ausrüstung der Bundeswehr. Am liebsten wäre es der Bevölkerung in Deutschland, die Verteidigungswirtschaft beliefere exklusiv die Bundeswehr mit exzellenten Produkten. Die Bundeswehr sollte also "gut gerüstet" sein, um ihre Aufgaben erfüllen zu können.

Wie wichtig der Bevölkerung dies ist, zeigt eine aktuelle Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie.3 Demnach ist der Anteil derjenigen, die die Bundeswehr für gut ausgerüstet halten, auf jetzt nur noch 16 Prozent gefallen. Korrespondierend ist das geäußerte Vertrauen in die Bundeswehr ebenfalls auf einem Tiefpunkt angelangt. Statt über 50 Prozent wie noch vor wenigen Jahren äußern jetzt nur noch 37 Prozent großes oder sehr großes Vertrauen. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Fähigkeit der Bundeswehr, das staatliche Leistungsversprechen der Landesverteidigung erfüllen zu können, hat also stark gelitten. Die Ursachen hierfür liegen somit in der weniger ethisch prädisponierten denn interessegeleiteten Wahrnehmung des Themenfelds Rüstung in Deutschland. So bestätigen sich die hier berichteten Studienergebnisse. Rüstung wird von der Bevölkerung also ernst genommen. Die Sicherheits- und Verteidigungspolitik in Deutschland sollte dies aufmerksam zur Kenntnis nehmen.

Prof. Dr. Franz Beitzinger ist Sozialwissenschaftler und vertritt derzeit die Professur für Unternehmenskommunikation an der Universität der Bundeswehr in München. Er hat in den vergangenen Jahren zahlreiche empirischen Studien insbesondere zur Informationsarbeit der Bundeswehr begleitet und durchgeführt.

1 Frankfurter Allgemeine Zeitung (2018), Fast zwei Drittel der Deutschen wollen Stopp aller Rüstungsexporte [online], eingesehen am 08.11.2018.

2 Die vom 13. Oktober bis 23. November 2017 durchgeführte Befragung (CATI, N=1002) ist repräsentativ für die Wohnbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ab 14 Jahren. Der Abschlussbericht zur Studie ist hier zum Download verfügbar, eingesehen am 08.11.2018.

3 Siehe Petersen (2018): Bedingt abwehrbereit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. August, S. 8.

Copyright: Bundesakademie für Sicherheitspolitik | ISSN 2366-0805 Seite 1/4

 

Arbeitspapier Thema: 
Sicherheitspolitische Debatte
Verteidigungsindustrie
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Deutschland
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Deutschland
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