Unterschätzter Dauerbrenner

Montag, 31. März 2014

Am 28. und 29. März fanden zum dritten Mal die „Königsbronner Gespräche“ statt. Bislang, so waren sich Podium und Publikum einig, werde das allgegenwärtige Thema „Cybersicherheit“ als politische Aufgabe immer noch vernachlässigt.

Foto: Deutscher Bundestag/Marc-Steffen Unger

„Frauen gestalten Sicherheitspolitik“ und „Cybersicherheit für Bürger und Institutionen gewährleisten “ – die „Königsbronner Gespräche“ machten in ihrer dritten Auflage einen Spagat zwischen zwei deutlich unterschiedlichen Themen der aktuellen Sicherheitspolitik. Der zweitätige Kongress im württembergischen Landkreis Heidenheim war eine gemeinsame Veranstaltung des Reservistenverbandes, der Karl-Theodor-Molinari-Stiftung – dem Bildungswerk des Deutschen Bundeswehrverbandes – und der Bundesakademie für Sicherheitspolitik; letztere vertreten durch ihren Präsidenten Hans-Dieter Heumann. Er beteiligte sich am Panel über die Sicherheit im virtuellen Raum.

Die Diskussionsrunde leitete Thomas Paulsen, Leiter des Bereichs Internationale Politik der Körber-Stiftung. Seine Fragen lauteten: Wie groß und welcher Art ist die Bedrohung? Was können der Staat, die Unternehmen und jeder Einzelne tun, um den Risiken gewachsen zu sein oder sie sogar zu beherrschen? Wie gelingt die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit in der Internetpolitik?

Akademiepräsident Hans-Dieter Heumann: „Vernetzung macht uns alle verwundbar“. Foto: Reservistenverband/Ralf Wittern

Mit Cyberkriminalität werde eine Menge Geld verdient, berichtete Michael Hange, Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik. Internationale kriminelle Organisationen seien selbständig, aber durchaus auch als Dienstleister tätig. Hange schätzt, dass in der Bundesrepublik rund eine Million Computer infiziert seien. Die Smartphone-Infektion, wie sie in den USA und in China massenweise vorkomme, stehe uns noch bevor. Ein übliches Delikt sei Cybererpressung, wobei mit der gezielten Überlastung eines Systems gedroht werde. Der BSI-Präsident schätzt, dass im Schnitt zwei „spektakuläre Attacken“ pro Woche vorkommen.

Thomas Spitzenpfeil, Vorstandsmitglied der Carl Zeiss AG, geht von 40.000 Virusattacken pro Monat allein auf sein Unternehmen aus. Er spricht für sein Unternehmen von einer „Doppelstrategie von Aufmerksamkeit und Technik“, um sich soweit wie möglich gegen Attacken und gegen Industriespionage zu wehren.

Arne Schönbohm, Präsident des privatwirtschaftlichen „Cyber-Sicherheitsrat Deutschland“,  schätzte die Cyber-Risiken pragmatisch ein: Mehr IT-Anwendungen bedeuten mehr Risiken, grundsätzlich für alle Bereiche, auch für die großen Infrastrukturen des Landes von der Stadtverwaltung bis zum Atomkraftwerk. Schönbohm fordert mehr Geld für eine aktive Sicherheitspolitik im Cyberraum: „Einen Eurofighter weniger kaufen und die Aufwendungen für Cybersicherheit verdoppeln oder verdreifachen.“

Gastgeber Roderich Kiesewetter: „Die Politik hat eine gewisse Fürsorgepflicht. Die Debatte im Bundestag beginnt jedoch sehr leise“. Foto: Reservistenverband/Ralf Wittern

Roderich Kiesewetter, christdemokratisches Bundestagsmitglied und als Präsident des Reservistenverbandes zugleich einer der Gastgeber der „Gespräche“, sieht die Debatte als noch nicht weit genug entwickelt an, da andere Themen für wichtiger gehalten werden. Aktuell stünden Fragen der individuellen Sicherheit im Vordergrund, nicht jedoch die von ganzen Systemen. Es brauche aber die intensive Beschäftigung mit Cybersicherheit, auch im Parlament. Kiesewetter fordert Anhörungen und eine Zusammenarbeit der verschiedenen Sachgebiete und Ausschüsse des Bundestages. Er hält eine Kompetenzerweiterung des Bundessicherheitsrats für notwendig, der mehr tun solle, als Rüstungsexporte zu beaufsichtigen. Sein Handeln sei zu vernetzen und er sei mit mehr Mitteln auszustatten.

Hans-Dieter Heumann warnte, wie Vernetzung alle verwundbar mache. „Wir leben allerdings in einer fast völlig vernetzten Welt und es gilt nun, einen gemeinsamen Ansatz zu entwickeln, wie das Netz sicherer gemacht werden kann.“ Für den Präsidenten der BAKS sei dies „vor allem auch eine politische Frage“.

Kongress in der alten Hammerschmiede Königsbronns: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer tagten bürgernah und abseits der Hektik des täglichen Politikbetriebs. Foto: Reservistenverband/Ralf Wittern

Autoren: Wi und Ml