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Tradition der Bundeswehr: Workshop diskutiert Weiterentwicklung

Dienstag, 21. November 2017

Das erste Panel des Workshops sitzt auf der Bühne.

Im ersten Panel berichteten Angehörige des BKA, der Bundespolizei, der GSG 9 und des BND über das Traditionsverständnis ihrer Berufsgruppen. Foto: BAKS/Mochow

Tradition ist für die Angehörigen der Bundeswehr ein zentraler Bestandteil ihrer Identität. Tradition bietet Orientierung in den Auslandseinsätzen, ebenso wie für den militärischen Alltag in den deutschen Kasernen. Die Richtlinien, welche den Rahmen für das Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr geben, wurden im Jahre 1982 erlassen. Seither bilden sie das Fundament für das Traditionsverständnis der Streitkräfte und sind seit 35 Jahren unverändert geblieben. Die Rahmenbedingungen haben sich inzwischen jedoch mit den Auslandseinsätzen, hybriden Bedrohungslagen und asymmetrischen Konflikten derart verändert, dass eine Neufassung der als „Traditionserlass“ bekannten Richtlinien notwendig erscheint.

Aufgrund dieser Lage hat die Bundesministerin der Verteidigung Dr. Ursula von der Leyen eine Serie von Workshops angewiesen, die der Überarbeitung des aktuellen Traditionserlasses dienen sollen. Diese Veranstaltungsreihe, welche Workshops in Hamburg, Koblenz und Potsdam umfasste, fand am 10.11.2017 in Berlin ihren Abschluss. Unter dem Titel „Bundeswehreigene Tradition: Wie bewahrt und tradiert die Bundeswehr ihr Erbe?“ fanden sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Bundeswehr, Polizei, Politik, Wissenschaft und Vertreter unterschiedlicher Interessenverbände im historischen Saal der BAKS ein – ganz im Sinne eines ressortübergreifenden Ansatzes. Sie alle diskutierten auf der gemeinsamen Veranstaltung von BMVg und BAKS überaus vielschichtig über den Traditionserlass und seine anstehende Überarbeitung. Dabei brachte die BAKS ein eigenes Panel zur Tradition in anderen Behörden in den Workshop mit ein.

Präsident Karl-Heinz Kamp begrüßt die Teilnehmer an der BAKS.

BAKS-Präsident Karl-Heinz Kamp begrüßte die Teilnehmer an der BAKS. Foto: BAKS/Mochow

Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Der Stellvertreter des Generalinspekteurs und Beauftragter für Reservistenangelegenheiten, Vizeadmiral Joachim Rühle, überbrachte die besten Grüße der Verteidigungsministerin und begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops. Er betonte gleich zu Beginn, dass es nicht um eine radikale Neuschreibung des Traditionserlasses gehen würde, sondern vielmehr um eine „notwendige Modernisierung und Präzisierung dort, wo es schlicht notwendig ist.“

Dr. Karl-Heinz Kamp, Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, zeigte sich darüber erfreut, dass die BAKS einen Beitrag zu dieser wichtigen Diskussion leisten kann. Kamp, der noch zu Zeiten des Kalten Kriegs selbst Wehrdienst geleistet hat, stellte mit Bezug auf die Traditionsdebatte fest: „Die Frage nach der geistigen Orientierung stellt sich heute völlig neu.“ Gleichzeitig betonte er die gesamtgesellschaftliche Bedeutung und die Notwendigkeit von nicht-militärischen Perspektiven bei der Beantwortung dieser Frage. Daher sei die BAKS als eine zivil-militärische Schnittstelle der passende Ort für einen solchen Workshop, der den Anspruch hat über den militärischen Rahmen hinauszublicken.

Die Traditionen von Polizei, GSG 9, BND und Bundeswehr im Vergleich

Der Leiter Kommunikation der BAKS Elmar Lillpopp, selbst Leitender Kriminaldirektor des BKA, moderierte die erste Sektion der Veranstaltung. Sein Ziel war es, der Zuhörerschaft das Traditionsverständnis von BKA, Bundespolizei und BND näher zu bringen und daraus Rückschlüsse für die Traditionsdebatte der Bundeswehr zu ziehen. Für Lillpopp gleichen sich Polizei und Streitkräfte in der „Verkörperung staatlicher Souveränität, Dienstverrichtung in Uniform, Verpflichtung gegenüber der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, staatlichen Legitimation zur Gewaltanwendung und in der Zugehörigkeit zu einer Gefahrengemeinschaft.“

Angehörige verschiedener Truppenteile sitzen in der ersten Reihe.

Unter den Teilnehmern waren neben Vertretern aus militärischen Organisationsbereichen auch zivile Experten. Foto: BAKS/Mochow

In diesem Sinne gewährten Direktor in der Bundespolizei Mathias Schaef und der Leitende Polizeidirektor Jerome Fuchs Einblicke in die Bundespolizei und die Spezialeinheit GSG 9 sowie in deren Umgang mit Traditionen. Mit dieser ressortübergreifenden Perspektive zogen beide Referenten Vergleiche zur Bundeswehr. Für GSG 9 Kommandeur Fuchs hat beispielsweise die Eigentradition einen besonderen Stellewert für seine Einheit. Auch der Begriff des „Kameraden“ ist dort eine gängige Wortwahl, sagte der Kommandeur. Darüber hinaus sahen Schaef und Fuchs Parallelen in der Internationalität und in der herausragenden Bedeutung des beruflichen Selbstverständnisses. Sie warnten jedoch auch vor einer Überbetonung der eigenen Einheiten und einem eventuell falsch verstandenen Korpsgeist. Mit Dr. Bodo Hechelhammer war auch ein Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes auf dem Podium. Der Leiter der Forschungs- und Arbeitsgruppe Geschichte des BND konnte in seiner Organisation weder eine spezifische Tradition, noch einen „Raum für bewusste Traditionsbildung“ erkennen. Der BND bestehe auch ohne ein dezidiertes Traditionsverständnis, so Dr. Hechelhammer.

Von der „Armee der Einheit“ bis hin zur „Bündnisarmee“

Mit der zweiten Sektion wurde der Fokus auf die Aufbaugeneration und die Bündnisarmee gesetzt. Impulsvorträge kamen hierbei von Generalleutnant a.D. Dr. Klaus Olshausen und von Prof. Dr. Martin Elbe vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Der Generalleutnant a.D. erkannte in den militärischen Verbänden das Fundament für Traditionsbildung und -pflege. Infolge stehe er einer Tradition skeptisch gegenüber, welche eine Gültigkeit für die gesamte Truppe beanspruchen möchte.

Ein Teilnehmer stellt eine Frage an das Plenum.

Nach den Vorträgen der Podiumsteilnehmer hatten die Anwesenden die Möglichkeit Fragen zu stellen und mitzudiskutieren. Foto: BAKS/Mochow

Die drauf folgende Sektion „Integration und Strukturen“ wurde durch jeweils einen Vortrag vom Behördenleiter des Bildungszentrums der Bundeswehr, Christoph Reifferscheid, sowie von Generalleutnant a.D. Werner von Scheven bestritten. Während Reifferscheid zur Tradition der zivilen Bundeswehrverwaltung sprach und an die zivilen Mitarbeiter der Bundeswehr erinnerte, für die ein bewusst ziviles Traditionsverständnis gelte, sprach von Scheven über die Bundeswehr als „Armee der Einheit“. Für den General a.D. steht dabei fest: „Wir schwimmen in der Geschichte wie in einem Strom und dieser ist nicht aufzuhalten, es gibt keine Stunde Null.“ Das habe damals für die Soldatinnen und Soldaten, welche in die Bundeswehr integriert werden mussten gegolten, ebenso wie es für die heutige Truppe gelte.

„Tradition für Einsätze – Tradition aus den Einsätzen“

Generalleutnant Erich Pfeffer ist der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr. Beim Traditionsworkshop an der BAKS widmete er sich in der letzten Sektion der Bundeswehr in der Rolle einer weltweit agierenden Einsatzarmee. In seinem Impulsvortrag „Tradition für Einsätze – Tradition aus den Einsätzen“ erinnerte er alle Anwesenden daran, dass der „Wesenskern“ der Bundeswehr letztendlich die Gewaltanwendung und die „Befähigung und die Bereitschaft zum Kampf“ sei. Die „Urtugenden“ wie Kameradschaft, Tapferkeit und Treue seien dabei von besonderer Bedeutung. Gerade Soldatinnen und Soldaten bräuchten Bilder und Vorbilder, die Halt und Orientierung im militärischen Dient geben. Dabei gelte es mit Blick auf die bundeswehreigene Geschichte auch, zuweilen „Grautöne“ auszuhalten, so der Generalleutnant.

Generalleutnant Pfeffer spricht auf dem Podium.

Generalleutnant Erich Pfeffer sprach über die Bedeutung der Einsatzkultur für die Tradition der Bundeswehr. Foto: BAKS/Mochow

Im Anschluss an die abschließende Diskussionsrunde resümierte der Moderator, Prof. Dr. Echternkamp, die insgesamt vier Sektionen des Workshops und brachte zum Ausdruck, dass Traditionsbildung ein Prozess und die Selbstverständigung über dem Umgang mit der eigenen Vergangenheit sei – und somit etwas, das nie endgültig abgeschlossen sein könne.

 

Autor: Philipp Fritz