Nachwuchs oder Nachzug?

Montag, 6. Mai 2013

Im Seminar „Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die staatliche Sicherheit“ am 6. Mai befasste sich die Bundesakademie damit, welchen Schwierigkeiten Behörden bei der Personalsuche entgegensehen.

Zwei Jungen sitzen in einem selbstgebauten Boot, werden von vielen Händen getragen.Unterstützt vom Bundesfamilienministerium richtete die „Deutsche Kinder- und Jugendstiftung“ eine Fotoaktion zum Weltkindertag 2012 aus. Hier das Motiv „Das Schiff“ von Jan von Holleben. Foto: Jan von Holleben/DKJS

Eine dieser Herausforderungen ist die Kinderlosigkeit, ein spezifisch deutsches Problem. Dreißig Prozent der Akademikerinnen in Westdeutschland haben keine Kinder, wie Jürgen Dorbritz, Forschungsdirektor des Bundesamts für Bevölkerungsforschung, berichtete. Was Zu- und Abwanderung angehe, stellte er fest, dass die Zahl hochqualifizierter Abwanderer ständig ansteige. Bedenklich seien die Wanderungsbewegungen von ostdeutschen Frauen vom ländlichen Raum in Ballungsgebiete; zurück blieben Ortschaften mit geringem Frauenanteil, in denen die Kriminalitätsrate steige.

Polizei setzt auf „kulturelle Vielfalt“

Folglich sei die Gestaltung der demografischen Entwicklung eine „Herkulesaufgabe“, vergleichbar mit den Anfängen der Umweltpolitik, stellte Ingrid von Stumm vom Bundesinnenministerium fest. Aus der Kinderlosigkeit heraus entwickelt sich ein Nachwuchsproblem. Was die Personalsituation der Bundespolizei zum Beispiel angehe, sei die Anzahl der Bewerber gegenwärtig „noch gut“. Probleme gebe es bei vielen jedoch mit den mangelnden Deutschkenntnissen, der körperlichen Leistungsfähigkeit und bisweilen strafrechtlichen Ermittlungsverfahren, die zur Zeit ihrer Bewerbung gegen die Aspiranten laufen, erklärte Herwig von Zwehl, Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums.

Um Personalengpässe zu verringern und Integration zu erleichtern, bemühe sich die Projektgruppe „Gewinnung von Nachwuchskräften mit kultureller Vielfalt“ der Bundespolizeidirektion Flughafen Frankfurt a.M. mit aktiver Nachwuchswerbung etwa bei Großveranstaltungen erfolgreich um mehr Bewerber mit Migrationshintergrund.

Auch für die Bundeswehr, so berichtete Oberst Friedhelm Tränapp aus dem Verteidigungsministerium, sei es schwierig, für bestimmte Bereiche geeignetes Personal zu finden. Das gelte besonders für die Nachwuchsgewinnung von Ärzten und IT-Fachleuten. In den neu eingerichteten „Karrierezentren“ würden nunmehr zivile und militärische Berufsberatungen nebeneinander vorgenommen.

Katastrophenhilfe braucht Freiwillige

Wolfram Geier vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sprach davon, wie vor allem in ländlichen Gebieten, wo immer weniger junge Menschen lebten, ehrenamtliche Helfer fehlten, insbesondere bei den freiwilligen Feuerwehren. Seiner Meinung nach müssten möglicherweise „Pflichtfeuerwehren“ eingeführt werden.

Das Aussetzen der Wehrpflicht habe auch dazu geführt, dass dem Technischen Hilfswerk (THW) jährlich etwa zweitausend Zivildienstleistende fehlten, so Gerd Friedsam, Vizepräsident der Organisation. Insbesondere sei aber der demografische Wandel die Ursache, dass das THW unter anderem neue Zielgruppen ansprechen und die Attraktivität des Ehrenamtes erhöhen müsse.

Zugewanderte Kriminalität

Eine Alterung der Gesellschaft werde nach Einschätzung Gerhard Hantschkes, leitender Mitarbeiter des Bundeskriminalamts, auch zu einer Steigerung der Kriminalität gegenüber Älteren führen. Für den Fall einer hohen Zuwanderungsrate infolge der demografischen Entwicklung sei darüber hinaus ein Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Anstieg der organisierten Kriminalität und der Cyberkriminalität zu erkennen.

Porträtaufnahme von Tilman Mayer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Demographie, beim Vortrag

„Eine andere Ausrichtung der Demografiestrategie für Deutschland“: Tilman Mayer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Demographie. Foto: BAKS

Zuwanderung habe insofern Einfluss auf die innere Sicherheit, als politischer Extremismus und zuwanderungsbezogene Kriminalität anstiegen, wie Wenke Apt, Demografiewissenschaftlerin der VDE/VDI Innovation und Technik GmbH, verdeutlichte. Unübersehbar sei, dass aufgrund des Bevölkerungsrückgangs auch die außenpolitische Handlungsfähigkeit Deutschlands abnehme: Seit 2009 können Gesetzesvorlagen in der EU nur noch verabschiedet werden, wenn 55 Prozent der Mitgliedsstaaten zustimmen, die wiederum gleichzeitig 65 Prozent der Bevölkerung repräsentieren. Die Bundesrepublik verliert in dieser Arithmetik natürlich an relativem Gewicht.

Zusammenfassend wies der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Demographie, Tilman Mayer, darauf hin, dass aus seiner Sicht eine andere Ausrichtung der Demografiestrategie für Deutschland nötig sei, als bisher. In Frankreich etwa herrsche parteiübergreifend die Ansicht, dass die demografische Entwicklung ein wichtiges gesellschaftliches Thema sei. Langfristig bestehe die Gefahr, dass Afrika Europa im Hinblick auf seine Bevölkerungsentwicklung marginalisiere.

Autor: Dr. Christian Fuchs