Führungskräfteseminar: Grenzübertritt zu Fuß

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Das Führungskräfteseminar hat die Grenze zwischen Pakistan und Indien am einzigen und ausschließlich für den Personenverkehr offenen Grenzübergang bei Wagah überschritten.

Das Bild zeigt pakistanische und indische Soldaten am Grenzübergang Wagah

Pakistanische (links) und indische (rechts) Soldaten während der allabendlichen Zeremonie am Grenzübergang Wagah. Foto: Gordon Dickson/Flickr/verkleinert/CC BY-NC-SA 2.0

Allabendlich kurz vor Sonnenuntergang wird der einzige und ausschließlich für den Personenverkehr geöffnete Grenzübergang zwischen Indien und Pakistan mit großem Zeremoniell geschlossen. Ohrenbetäubende Anfeuerungsrufe – „Pakistan, Pakistan“ auf der einen, „Hindustan, Hindustan“ auf der anderen Seite – von tausenden von Menschen auf beiden Seiten der Grenze begleiten die "Wagah Border Ceremony". Auch das Führungskräfteseminar 2018 der BAKS hat bei Wagah die Grenze zu Fuß überschritten, um seine Reise in Indien fortzusetzen.

Vorausgegangen waren intensive Gespräche und Diskussionen in Islamabad mit zahlreichen Experten und Entscheidungsträgern aus Politik, Militär, Wissenschaft, Medien sowie dem diplomatischen Umfeld. Die Chancen und Möglichkeiten der neuen Regierung Pakistans unter Premierminister Imran Khan sowie der Sachstand und die Auswirkungen des Megaprojektes China-Pakistan Economic Corridor (CPEC) wurden dabei wiederholt thematisiert. Die von den Gesprächspartnern eingebrachten Ansichten und Begründungen nachzuvollziehen, zu verstehen und eigene Schlussfolgerungen zu ziehen, war ein Schwerpunkt des ersten Teils der Reise.

Das Bild zeigt den pakistanischen Präsidenten Khan

Imran Khan, ehemaliger Cricketstar, seit August 2018 Premierminister Pakistans. Foto: Chatham House/Flickr/verkleinert/CC BY 2.0

Die neue Regierung Khan

Noch ist die neue Regierung keine hundert Tage im Amt. Die Erwartungshaltung ist naturgemäß auf allen Seiten hoch. In dem tief vom Islam geprägten Land scheint der politische Spielraum jedoch beschränkt. Ansichten und Einstellungen lassen sich nicht von heute auf morgen verändern. Mit Blick auf das hohe Bevölkerungswachstum sowie die insbesondere im ländlichen Raum stark religiös geprägte Bildung und Erziehung scheint dies jedoch gerade im Hinblick auf die Zukunft des Landes dringend geboten. Darüber hinaus eröffnet die über Pakistan hinausgehende Popularität des ehemaligen Cricketstars Khan gegebenenfalls auch die Möglichkeit zum grenzüberschreitenden Dialog mit Indien. Insgesamt scheint eine grundsätzlich wohlwollende, aber noch abwartende Haltung gegenüber der neuen Regierung vorzuherrschen; dies gilt insbesondere auch für das Militär. Der Reformbedarf wird insgesamt als hoch eingeschätzt. Der Wille dazu scheint bei Khan gegeben zu sein – ob er sich auch umsetzen lässt, muss sich jedoch erst noch zeigen.

Das Bild zeigt eine Baustelle im Hochgebirge des Karakorams.

Der Ausbau des Karakoram Highway ist ebenfalls Bestandteil der chinesischen Belt and Road Initiative. Foto: Christian Benke/Flickr/verkleinert/CC BY-NC-SA 2.0

CPEC als Teil der Belt and Road Initiative

Das in mehrere Phasen unterteilte Megaprojekt CPEC befindet sich in der Umsetzung. Es ist Teil der chinesischen Belt and Road Initiative. Mit Hilfe beträchtlicher chinesischer Investitionen werden zunächst der Energiesektor reformiert und Sonderwirtschaftszonen (Special Economic Zones, SEZ) entlang einer zum Teil später noch weiter auszubauenden Verkehrsinfrastruktur geschaffen. Erste Erfolge sind spürbar. Zeitlich begrenzte Niedriglohnarbeitsplätze sind in erheblichem Umfang im Bausektor entstanden; Stromausfälle gehören nahezu der Vergangenheit an. Inzwischen belasten aus fossilen Energieträgern gewonnene Überkapazitäten das Netz. Gewinne werden von den chinesischen Investoren und Betreibern abgeschöpft, was unweigerlich mit Preissteigerungen gegenüber der ursprünglich aus Wasserkraft gewonnen Energie verbunden ist und noch dazu zu einer eigentlich vermeidbaren Umweltbelastung führt. Ob das Konzept aufgeht, in den SEZ ausländische Investoren und Produzenten anzusiedeln, muss sich erst noch zeigen. Zweifel sind jedoch angebracht. Hinzu kommt, dass der „Allwetterfreund“ China rund 20.000 chinesische Arbeitskräfte, überwiegend Ingenieure, mit der Realisierung des Projektes in Pakistan betraut hat. Wo diese konzentriert auftreten, lässt ein kultureller Wandel nicht lange auf sich warten. Die ersten Händler und Dienstleister haben sich bereits auf ihre Bedürfnisse eingestellt.

Weiterreise nach Delhi und Mumbai

Um das Bild von Südasien zu vertiefen, folgen auf den Grenzübertritt nach Indien weitere Gespräche in Delhi und Mumbai. Das Seminar wird in Delhi mit Gesprächspartnern aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammentreffen, wohingegen in der Finanz- und Wirtschaftsmetropole Mumbai primär wirtschaftliche und soziale Themen auf der Agenda stehen. Erneut wird es darum gehen, die Sichtweisen und Haltungen von Experten und Entscheidungsträgern zu ergründen. Bleibt zu hoffen, dass Dialog und Aussöhnung dazu führen, dass Grenzen dauerhaft geöffnet bleiben und ein Zeremoniell wie die „Wagah-Border-Ceremony“, bei der täglich die Grenzschließung zelebriert wird, als kulturelle Besonderheit in die Geschichtsbücher eingeht.

Autor: Peter Härle