Der Tag, an dem die Stones nicht kamen

Freitag, 28. Februar 2014

Am Abend des 27. Februar 2014 hießen der Berliner Kulturring und die BAKS die frühere Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld als Gast der ersten „Schönhauser Lesung“ dieses Jahres willkommen.

Straßenszene in Ostberlin in Mauernähe mit geparkten Wartburg- und Trabant-Pkws; Hinterlandmauer in der Schützenstraße, Ecke Charlottenstraße; im Hintergrund das Axel-Springer-Hochhaus in West-Berlin
Straßenszene in Ostberlin in Mauernähe mit geparkten Wartburg- und Trabant-Pkws; Hinterlandmauer in der Schützenstraße, Ecke Charlottenstraße; im Hintergrund das Axel-Springer-Hochhaus in West-Berlin
Foto: Leon Petrosyan/CC BY-SA 3.0

Verlassene Bühne: Am 6. Okotber 1969 hätten die „Rolling Stones“ angeblich auf dem Dach des Axel-Springer-Hauses in Berlin-Kreuzberg spielen sollen, in Sicht- und Hörweite der gesamten „Hauptstadt der DDR“. Foto: Leon Petrosyan/CC BY-SA 3.0

Die Moderatoren des RIAS konnten es in ihrem Programm noch so oft beteuern: Die Meldung, dass die Rolling Stones zum 20. Geburtstag der DDR auf dem Dach des Axel-Springer-Hochhaus in West-Berlin auftreten würden, war nur ein kleiner Scherz. Es half nichts – Gerüchte über das Konzert der britischen Rockgruppe hatten sich bereits im ganzen Land ausgebreitet und die Menschen begannen, aus allen Richtungen in die Hauptstadt zu pilgern.

Keith Richards (links) und Mick Jagger (rechts) von den „Rolling Stones“ auf der Bühne der City Hall in Brisbane, Australien, Januar 1965

Kommen sie oder nicht? Keith Richards und Mick Jagger bei einem Konzert 1965. Foto: Brisbane City Council/CC BY 2.0

Was als flapsiger Witz begonnen hatte, entwickelte sich auf diese Weise zu einem ernsthaften Problem für den staatlichen Sicherheitsapparat: Um die drohende Sympathiebekundung für den „Klassenfeind“ im Keim zu ersticken, setzte die Ordnungsmacht der DDR alle Hebel in Bewegung. Noch an den Ausgangsbahnhöfen zog die Transportpolizei die Fans aus den Zügen. Wer seine Reise dennoch antreten konnte, wurde direkt bei seiner Ankunft in Ostberlin oder in der U-Bahn von der Weiterfahrt abgehalten. Jene, die trotz aller Vorkehrungen durch das Netz des SED-Sicherheitsapparates schlüpfen konnten, wurden schließlich in Sichtweite des Springergebäudes festgenommen.

Diese Geschichte, die mit dem hoax eines Radiosenders begann und mit der Inhaftierung harmloser Fans endete, war eine der vielen Anekdoten, die Vera Lengsfeld in der ersten „Schönhauser Lesung“ des Jahres 2014 mit ihren Zuhörern teilte. Lengsfeld trug diese und weitere Begebenheiten aus ihren Büchern, unter anderem aus ihrer Autobiographie „Ich wollte frei sein“, vor. Ihre Erzählungen zeugen vom Schicksal der Bürgerrechtlerin selbst und von dem der Friedensbewegung, der sie angehörte und die zur friedlichen Revolution in den letzten Jahren der DDR beitrug.

Vera Lengsfeld liest im Historischen Saal der BAKS aus ihrer Autobiographie vor.

„Ich wollte frei sein“:
Vera Lengsfeld liest. Foto: BAKS/Kevin Mochow

Die Zuhörer im Historischen Saal der Bundesakademie fühlten sich in diese Epoche zurückversetzt, ja sie brachten ihre eigenen Erinnerungen und Erlebnisse in das Gespräch mit der Autorin ein: Die Zeitzeugen aus ganz Berlin berichteten von den erlittenen Repressionen, vom Geist, der nach dem Fall der Mauer herrschte – aber auch von der Notwendigkeit, das Vergangene zu überwinden und den einstigen Peinigern zu verzeihen.

Autor: Michael Lorke