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Das Drei-Horizonte-Modell in der Strategischen Vorausschau

Thursday, 2. April 2026

Blick auf Bahnschienensystem mit vielen Weichen
Blick auf Bahnschienensystem mit vielen Weichen
Pixabay/musik4life

Auch beim Ausbau von Infrastruktur verlaufen die Wege selten geradlinig. Das Drei-Horizonte-Modell öffnet einen analytischen Blick darauf. Foto: Pixabay/musik4life

Die Wege in mögliche Zukünfte verlaufen erfahrungsgemäß nicht geradlinig und sind geprägt von Blockaden und Disruption. Um diese Triebkräfte des bevorstehenden Wandels zu identifizierten und zu bewerten, hilft das Drei-Horizonte-Modell (Three horizon framework). Ursprünglich aus der Unternehmensberatung stammend hat der Zukunftsforscher Bill Sharpe das Modell Anfang der 2000er Jahre auch im Regierungskontext für die Entwicklung von Infrastrukturmodellen adaptiert.   

Das Modell geht davon aus, dass zwischen dem dominanten System der Gegenwart (H1) und einer möglichen Zukunft (H3) eine Übergangszone (H2) existiert. Diese mittlere Zone sichert den Fortbestand des aktuellen Systems und bietet Raum für neue Ideen und Perspektiven. Alle drei Horizonte existieren dabei parallel und zeitlich in unterschiedlich starken Ausprägungen.

COVID-19-Pandemie als Treiber für neue Arbeitsmodelle 

Ein Beispiel dafür lässt sich in der Arbeitswelt finden: Das klassische Arbeitsmodell mit festen Arbeitszeiten im Unternehmen kann hier als dominantes System der Gegenwart (H1) betrachtet werden. Hier sind persönliche Ansprache und Kontrolle durch Vorgesetze und Kollegen jederzeit möglich. In einer denkbaren Zukunft (H3) könnte die Arbeit in vielen Berufen zeitlich und örtlich ungebunden verrichtet werden und so das heute dominante Modell ersetzen. Nicht erst seit der COVID-19-Pandemie wurden neue Arbeitsmodelle erprobt, die sich einer Übergangsphase (H2) zuordnen lassen. In dieser Phase wurde oft noch angenommen, dass Erreichbarkeit und Anwesenheit zu festgelegten Zeiten entscheidend sind bei gleichzeitig wachsender örtlicher und zeitlicher Flexibilität. So konnten in dieser Phase hybride Führungsmodelle erprobt und deren Einfluss auf Arbeitsergebnisse untersucht werden.

Blick über die Schulter eines Menschen, der in einer Wohnung am Laptop arbeitet
Blick über die Schulter eines Menschen, der in einer Wohnung am Laptop arbeitet
Pixabay/kueckhovener

Ohne die Möglichkeit, Arbeitsprozesse ins Homeoffice zu verlagern, wären in der COVID-19-Pandemie viele Arbeiten liegen geblieben. Pixabay/kueckhovener

In diesem Beispiel zeigt das Modell konkurrierende Arbeitslogiken, ihre zugrundeliegenden Annahmen sowie die Reibungen ihres Übergangs. Es hilft, Trends, Treiber und Bremser von Wandel sichtbar zu machen, ohne einen der Horizonte vorschnell zu priorisieren. Horizont 3 ist hierbei nicht zwingend als normativ, also als wünschenswert zu sehen, sondern zunächst nur als Möglichkeit. Im Sinne der Strategischen Vorausschau hilft das Modell dabei, Transformation von Gegenwartslogiken zu entkoppeln und dadurch denkbarer erscheinen zu lassen. Durch die Benennung von Annahmen lassen sich Übergänge besser gestalten, unbewusste Blockaden der Veränderung auflösen und mögliche Handlungsoptionen besser priorisieren.

Das Drei-Horizonte-Modell in der Sicherheitspolitik

Diese Logik lässt sich in ähnlicher Weise auf sicherheitspolitische Ordnungsvorstellungen übertragen. Ein dominantes Sicherheitsverständnis, das auf Abschreckung, territorialer Verteidigung und militärischer Überlegenheit basiert (H1), verliert an Glaubwürdigkeit, wenn hybride Bedrohungen, gesellschaftliche Resilienz und neue Technologien an Bedeutung gewinnen. Daraufhin entstehen Übergangszonen (H2), in denen neue Konzepte von Abschreckung, integrierter Sicherheit oder strategische Autonomie erprobt werden, ohne dass sich bereits eine neue dominante Sicherheitsordnung (H3) herausgebildet hätte.

Grafik, die das 3-Horizonte-Modell der Staregischen Vorausschau verdeutlicht.
Grafik, die das 3-Horizonte-Modell der Staregischen Vorausschau verdeutlicht.
BAKS/Pobbig
Im Drei-Horizonte-Modell lassen sich die einzelnen Phasen von der Gegenwart (H1) über die Innovation (H2) bis zur Zukunft (H3) nicht vollständig voneinander abgrenzen und gehen fließend ineinander über. (Grafik: BAKS)

In einer Foresight-Betrachtung wird zunächst das dominante System der Gegenwart hinterfragt und dessen Logik analysiert (H1). Anschließend folgt eine bewertungsneutrale Diskussion darüber, wo Reibungspunkte und Entwicklungspfade in einem künftigen System (H3) entstehen und wo sich beide Systeme vielleicht schon überlappen. Die Unterscheidung zwischen H1 und H3 ermöglicht es, Aspekte von H2 zu kategorisieren in bremsend oder fördernd für eine mögliche Transformation. Dem liegt die Gewissheit zugrunde, dass sich die Zukunft natürlich nicht vorhersagen lässt, aber die Gegenwart bereits Vorzeichen für diese in sich trägt. So kann mit dieser Methode die Fähigkeit geschult werden, Zukunftspotenziale des Gegenwärtigen besser wahrzunehmen und bewusst zu fördern.

Im Regierungskontext bietet das Drei-Horizonte-Modell viele Vorteile, insbesondere bei der Darstellung komplexer Transformationsprozesse mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Es ermöglicht, Zukunftsbilder zu entwickeln und auf mögliche Pfade dorthin hinzuwirken. Allerdings ist es kein Entscheidungsmodell und stößt an seine Grenzen, wenn Zukunftsbilder politisch umstritten sind. Es ist vor allem ein Denkinstrument für Systeme, die bereit sind, sich selbst zu hinterfragen, und unterstützt Vorausschau-Prozesse in den Anfangsphasen.

Autor: Sebastian Bollien