Arbeitspapiere

Angriff auf Chinas Rohstoffmonopol - Wie Europa bei Seltenen Erden & Co. unabhängiger werden kann

2/2026
Die USA wollen Chinas Monopol bei Seltenen Erden und kritischen Rohstoffen in diesem Jahrzehnt aufbrechen. Europa verfolgt dasselbe Ziel, steht aber zwischen Washingtons und Pekings Rohstoff-Geopolitik zunehmend isoliert da. Die EU hat sich mit dem Critical Raw Materials Act ambitionierte Ziele gesetzt, die aus heutiger Sicht allerdings kaum erreichbar scheinen. Um Abhilfe zu schaffen und zu einem selbstbehauptungsfähigen Akteur zu werden, sollten die europäischen Staaten auf strategische Investitionen in einem zivil-militärischen Verbund setzen und die internationale Zusammenarbeit mit lagerstättenreichen Staaten vorrangig in ökonomischen Kategorien organisieren.

Das Foto ist ein Luftbild des Tagebaus der Mountain Pass Mine in Kalifornien, USA, in der Seltene Erden abgebaut werden.

Rohstoffversorgung als Frage Nationaler Sicherheit: Die derzeit einzige Abbaustätte Seltener Erden in den USA wird im kalifornischen Mountain Pass vom Unternehmen MP Materials betrieben, das dafür umfassende Finanzmittel aus dem US-Verteidigungshaushalt erhält. Foto: Tmy350/Wikimedia Commons/CC BY-SA 4.0

Spätestens seit Herbst 2025 sollte klar sein, dass Seltene Erden und zahlreiche kritische Rohstoffe keine Nischenrohstoffe für die grüne Energiewende und digitale Technologien sind. Sie sind vielmehr die unentbehrliche Grundlage für die globale Transformation von einer fossil geprägten zu einer CO2-armen Energieerzeugung. Darüber hinaus sind Seltene Erden & Co. verteidigungskritisch. Ohne diese Elemente sind hochmoderne, vernetzte Streitkräfte undenkbar. Die Kontrolle über die Lagerstätten und Lieferketten ist daher längst keine rein ökonomische Angelegenheit mehr. Rohstoffsicherheit heißt heutzutage Industriepolitik plus Sicherheitspolitik plus Geostrategie. Dabei hängen die rohstoffabhängigen Industriestaaten des Westens alle von der Lieferbereitschaft der kommunistischen Staats- und Parteiführung in Peking ab. Viel zu lange haben die USA und die EU ihre extrem hohe Abhängigkeit von bis zu 100 Prozent hingenommen und auf offene Märkte gesetzt. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die US-Regierung hat schon vor einigen Jahren damit begonnen, die chinesisch dominierten Rohstoffmärkte schrittweise aufzubrechen und ihre Abhängigkeit zu verringern. Die EU verfolgt mittlerweile einen ähnlichen Kurs und setzt verstärkt auf Rohstoffautonomie. Doch wie so oft hängt Europa den geopolitischen Entwicklungen hinterher und agiert zu zaghaft. Die jüngste Nationale Sicherheitsstrategie der USA untergräbt zusätzlich die transatlantische Zusammenarbeit. Für die EU stellt sich damit die rohstoff- und geostrategische Grundsatzfrage: weiterhin auf belastbare Rohstoffbeziehungen mit den USA vertrauen oder notfalls allein gegen Peking und Washington?

Die sicherheitspolitische Rohstoffwende unter Trump I

Seit der ersten Trump-Administration (2017-2021) adressieren die USA ihre Rohstoffversorgung deutlich sichtbarer als Frage der nationalen Sicherheit. Den Ausgangspunkt der aktuellen US-Rohstoffpolitik markiert die Executive Order „A Federal Strategy to Ensure Secure and Reliable Supplies of Critical Minerals“ aus dem Jahr 2017. Damit wurde der Geologische Dienst der USA (USGS) beauftragt, regelmäßig zur Importabhängigkeit von kritischen Rohstoffen zu berichten. Die daraus hervorgehenden Kritikalitätsbewertungen dienen seither als Referenzrahmen für Maßnahmen in der Verteidigungs-, Industrie- und Energiepolitik. In der Folge wurden verschiedene Verordnungen und Gesetze verabschiedet, die eine klare Richtung erkennen lassen: Die Versorgung mit kritischen Rohstoffen wird nicht mehr allein unter industriepolitischen Gesichtspunkten betrachtet, sondern die hochkonzentrierten Rohstoffmärkte werden nun ausdrücklich als Bedrohung für die nationale Sicherheit und Wirtschaft bewertet.

Auf dieser Grundlage erklärte Präsident Donald Trump am 30. September 2020 mit der Executive Order 13953 einen nationalen Notstand, um die Voraussetzungen zu schaffen, unmittelbar in Rohstoffmärkte einzugreifen – etwa über gezielte Förderprogramme, Kreditgarantien, staatliche Beteiligungen und Abnahmeverträge zu vereinbarten Mindestpreisen. Auf diese strategischen Weichenstellungen folgte eine schrittweise finanzielle Ausstattung der US-amerikanischen Rohstoffpolitik. Mit dem Infrastructure Investment and Jobs Act (IIJA) von 2021 unter Präsident Joe Biden wurde erstmals ein mehrjähriger, breit angelegter Finanzrahmen geschaffen. Allein für die Bereiche kritische Rohstoffe, Batteriefertigung und Recycling wurden rund 7,9 Milliarden US-Dollar bereitgestellt. Diese Mittel fließen vor allem in Zuschussprogramme, Demonstrationsprojekte und Infrastrukturmaßnahmen – vorrangig zur Erschließung neuer Lagerstätten sowie in den Aufbau von Verarbeitungs- und Rückgewinnungskapazitäten in den USA.

Ein Jahr später wurde mit dem Inflation Reduction Act (IRA) ein weiteres Gesetz verabschiedet, das vor allem steuerliche Anreize für die Produktion kritischer Rohstoffe und nachgelagerter Komponenten in den USA setzen soll. Im Sommer 2025 wurde mit dem One Big Beautiful Bill Act (OBBBA) ein weiteres milliardenschweres Investitionsprogramm auf den Weg gebracht. Mit einer Gesamtsumme von rund 9,5 Milliarden US-Dollar knüpft es an die vorangegangenen Maßnahmen an, richtet den Fokus jedoch noch stärker auf Rohstoffe, die für die Verteidigungsfähigkeit unverzichtbar sind.

Besonders deutlich wird dies an der Mittelverteilung: Mit 7,5 Milliarden US-Dollar erhält das Verteidigungsministerium den mit Abstand größten Anteil für Projekte zur Stärkung der Versorgungssicherheit mit kritischen Rohstoffen. Davon entfallen 5 Milliarden Dollar auf den Aufbau robuster Lieferketten, zwei Milliarden auf den Ausbau nationaler Lagerbestände und weitere 500 Millionen US-Dollar auf finanzielle Unterstützungsinstrumente wie Kreditlinien oder Garantien. Die finanzielle Ausstattung allein durch IIJA und OBBBA für den Bereich kritische Rohstoffe beläuft sich damit auf deutlich über 15 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Während der rohstoffverbrauchende Industriesektor der USA mit 2,9 Billionen US-Dollar lediglich dreimal so groß ist wie der deutsche, investieren die USA durch IIJA und OBBA fünfzehnmal mehr in die strategische Rohstoffsicherung als Deutschland mit dem Eine-Milliarde-Euro-Rohstofffonds.

Das übergeordnete Ziel der USA: Aufbau eines von China unabhängigen Industrie-Ökosystems

Wie stark die US-Rohstoffpolitik der vergangenen Jahre von Überlegungen der nationalen Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit geprägt ist, zeigt die sogenannte Mine-to-Magnet-Strategie. Ziel ist der Aufbau einer weitgehend national kontrollierten Lieferkette für Magnete aus Seltenen Erden (SE-Magnete) zur Verwendung in sicherheitsrelevanten Bereichen – von der Lagerstätte bis zum fertigen Magnet. Mit dem Verteidigungsbudget 2023 wurde zugleich ein schrittweises Verbot chinesischer SE-Magnete eingeführt. Ab 2026 dürfen in US-Sicherheits- und Verteidigungstechnologie keine Magnete mehr verwendet werden, die in China gefertigt oder hergestellt wurden. Ab 2027 dürfen diese Güter darüber hinaus keine SE-Magnete mehr enthalten, bei denen irgendeine vorherige Produktionsstufe – vom Erz über die Legierung bis zum Magnet – in China erfolgt ist. Der Aufbau einer eigenständigen Lieferkette wird damit faktisch zur sicherheitspolitischen Notwendigkeit.

Die vorbereitenden Schritte hierzu wurden bereits 2019 eingeleitet. Damals nutzte Präsident Trump präsidiale Befugnisse und beauftragte das Verteidigungsministerium, ausreichende Kapazitäten zur Herstellung von SE-Magneten in den USA aufzubauen. Das Ministerium begann 2020 damit, entsprechende Projekte finanziell zu unterstützen. Im Zentrum stand dabei das Unternehmen MP Materials, Betreiber der einzigen Lagerstätte von Seltenen Erden in den USA (Mountain Pass, Kalifornien). Mit Fördermitteln in zweistelliger Millionenhöhe unterstützte das Pentagon den Aufbau einer Anlage zur Trennung sogenannter schwerer Seltenen Erden (SEE) am Standort Mountain Pass. Parallel dazu erhielt das australische Unternehmen Lynas Mittel zum Aufbau einer SEE-Aufbereitungsanlage in Texas. Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums wurden zwischen 2020 und 2024 rund 440 Millionen US-Dollar in den Aufbau entsprechender Kapazitäten investiert. Im Juli 2025 wurde zudem bekannt, dass sich das Ministerium mit weiteren 400 Millionen US-Dollar direkt an MP Materials beteiligt und damit zum größten Anteilseigner wird.

Separat dazu werden 150 Millionen US-Dollar als Darlehen bereitgestellt, um den Aufbau einer inländischen Magnetfertigung zu unterstützen. Die Vereinbarung umfasst darüber hinaus einen Abnahmevertrag über die gesamte Magnetproduktion der kommenden zehn Jahre sowie einen Mindestpreis für die von MP Materials produzierten Seltenen Erden Neodym und Praseodym. Die Beteiligung des Staates an MP Materials könnte als Blaupause für weitere Engagements entlang anderer kritischer Wertschöpfungsketten dienen.

Das späte Erwachen der EU-Rohstoffpolitik

Unter den großen Industriemächten, die bislang alle an Chinas Rohstofftropf hängen, vernachlässigte die EU am längsten den Zusammenhang von ökonomischer Versorgungssicherheit und politisch-militärischer Erpressbarkeit. Ein Blick in die Strategiedokumente zeigt dies: Noch im Jahr 2008 setzte die EU in ihrer Raw Materials Initiative auf Rohstoffdiplomatie, förderliche Rahmenbedingungen, heimische Förderung und sparsamen Rohstoffverbrauch. Das waren allesamt richtige und nachvollziehbare Maßnahmen für eine Welt, in der Märkte perfekt und frei von Geopolitik funktionierten. Doch das war schon zu jener Zeit ein Trugschluss. Denn China setzte bereits im Jahr 2010 sein Rohstoffmonopol gegen Japan ein und drohte seither immer wieder mit dem Aussetzen von Lieferungen an unliebsame Handelspartner.

Es dauerte über ein Jahrzehnt, bis die EU-Kommission – und die Mitgliedstaaten – erkannten, dass der Ansatz Europas, als passive und diplomatisch-regulatorische Zivilmacht zu agieren, auf den hochkonzentrierten Rohstoffmärkten nicht mehr funktionierte. Schon längst ging es nicht mehr nur um den Zugang zu Lagerstätten und Bergbaubeteiligungen. Die Kontrolle ganzer Wertschöpfungsketten – von Erz zum E-Auto oder militärisch vom Mineral zur Munition – inklusive deren Verarbeitungstechnologien hat einen bis dato ungekannten Machthebel in der neuen Rohstoffwelt geschaffen. Doch die EU nutzte die Zeit nicht und verpasste den Anschluss im globalen Rennen um strategische Lagerstätten und Minenprojekte.

Bei den Seltenen Erden etwa zeigen drei Zahlen die erdrückende Übermacht Chinas: Chinesische Unternehmen fördern 70 Prozent der weltweiten Seltenen Erden und kontrollieren zu je 90 Prozent die Erzverarbeitung sowie neun von zehn Fertigungen von Permanentmagneten, ohne die Windkraftanlagen und Elektroautos nicht funktionieren. Bei zahlreichen anderen kritischen Rohstoffen sieht die Lage ähnlich schlecht aus. Peking ist zum neuen Rom der globalen Rohstoffbeziehungen geworden – alle Wege führen dorthin. Und aus chinesischer Sicht unterliegt die Kontrolle der strategischen Rohstoffe nicht einer (westlichen) ökonomischen Gewinnlogik, sondern einer neo-imperialen Herrschaftslogik. Denn Rohstoffe sind Pekings strukturelle Machtinstrumente in der globalen Auseinandersetzung mit den USA und dem Westen.

Ambitionierte Ziele, geringe Mittel und fehlende Umsetzungsoptionen

Mit dem Critical Raw Materials Act von 2024 legte die EU erstmals ambitionierte Ziele vor, ihre Position auf den Rohstoffmärkten zu verbessern. Vier politische Zielzahlen bilden die rohstoffstrategischen Leitplanken der Union: Bis zum Jahr 2030 sollen in der EU zehn Prozent der benötigten strategischen Rohstoffe selbst gefördert werden, 40 Prozent sollen verarbeitet und 25 Prozent durch Recycling wiedergewonnen werden. Zusätzlich soll die Lieferabhängigkeit von einem Drittstaat nicht mehr als 65 Prozent betragen. Konkret bedeutet das mehr Bergbau, (viel) mehr industrielle Verarbeitung und Recycling in der EU sowie eine Art rote Linie bei der Rohstoffabhängigkeit.

In Summe sind dies sehr ambitionierte Ziele, die aus heutiger Sicht kaum erreichbar sind. Denn die Union ist kein eigenständiger weltpolitischer Akteur auf den Rohstoffmärkten. Auf Unionsebene bestimmt zwar die EU-Kommission die Handelspolitik. Die Rohstoffpolitik fällt aber in den Bereich der geteilten Zuständigkeiten und damit in die politische Verantwortung der Mitgliedstaaten. Und diese verfolgen unterschiedliche rohstoffpolitische Ziele. Überdies gibt es in der EU kaum große internationale Bergbauunternehmen, die mit chinesischen Staatskonglomeraten konkurrieren könnten. Die neuesten Initiativen der EU stehen daher alle unter dem Vorbehalt einer realistischen Umsetzungsperspektive. Denn wer soll künftig Bergbau in der EU betreiben und die begehrten Rohstoffe verarbeiten, wenn nicht westliche privatwirtschaftliche (idealerweise europäische) Unternehmen? Diese müssen sich zudem am Markt behaupten und die nächsten Jahr(zehnt)e finanziell überleben. Ohne langfristige politische, finanzielle und regulatorische Unterstützung und Protektion wird sich Europa nicht von China lösen können. Die von der EU-Kommission bestimmten strategischen Projekte in der EU und weltweit haben daher nur eine Chance, wenn die beteiligten Investoren politische Planungs- und finanzielle Sicherheit haben. Der neue RESourceEU Action Plan der EU-Kommission vom 3. Dezember 2025 setzt daher in politisch-strategischer Hinsicht die richtigen Akzente. Darin wird klar von einem „geopolitical scramble“ um Ressourcen gesprochen, der ein direktes ökonomisches und verteidigungsstrategisches Sicherheitsrisiko für die EU darstelle. Davon berührt sind sämtliche militärische Verteidigungs- und Rüstungsbemühungen der Union, zu denen auch die Unterstützung der Ukraine zählt. Rüstungsgüter, die kritische Rohstoffe enthalten, könnten durch Drittstaaten zurückgehalten werden und damit die generelle Verteidigungsfähigkeit der EU gefährden.

Die chinesischen Exportrestriktionen der letzten zwei Jahre zeigen, dass das gezielte Zurückhalten von Rohstofflieferungen kein Horrorszenario ist, sondern Teil der strukturellen Abhängigkeits- und Strangulierungsstrategie Chinas. Darauf musste die EU reagieren. Sie hat sich seither dem strategischen Denken der USA und Chinas angenähert und zwei Schlussfolgerungen gezogen: Erstens sind Rohstoffe unentbehrlich für die eigene Rüstung und Verteidigung. Und zweitens sind langfristige Bezugsalternativen jenseits von China höher zu gewichten als die dafür anfallenden kurzfristigen Kosten. Kurzum: Zumindest auf dem Papier sieht sich die EU als rohstoffgeopolitischer Akteur, der in langfristigen Kategorien der Kontrolle und Resilienz denkt.

Dabei begegnen sich die EU und die USA industriell auf Augenhöhe: Mit einer Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes von rund 2,7 beziehungsweise 2,8 Billionen US-Dollar im Jahr 2024 agieren beide Wirtschaftsräume in derselben industriellen Gewichtsklasse. Doch Papier ist bekanntlich geduldig und im Hinblick auf die genannten Finanzbeiträge im RESourceEU Action Plan bleibt offen, ob daraus viel „Action“ erwächst. Mit etwas mehr als fünf Milliarden Euro an Finanzzusagen aus verschiedenen Förderprogrammen kann die EU nicht mit den USA mithalten, sondern bleibt in der rohstoffstrategischen Regionalliga. Während die USA ihre industrielle Basis mit massiven Finanzierungsprogrammen absichern, klafft in Europa eine vergleichsweise hohe Finanzierungslücke, trotz vergleichbarer wirtschaftlicher Relevanz des Sektors.

Das im Action Plan benannte „EU Critical Raw Materials Centre“, das 2026 die Arbeit aufnehmen soll, ist grundsätzlich eine gute Idee – sofern aus diesem konkrete europäische Rohstoffprojekte erwachsen. Doch allein die weitere intensive Beobachtung von Märkten und die Bereitstellung von Informationen reichen nicht aus. Es mangelt vor allem an Strukturen, die ein dauerhaftes strategisches Handeln ermöglichen. Ob das neue EU Critical Raw Materials Centre in der Lage sein wird, eine europäische Einkaufsgemeinschaft für kritische Rohstoffe anzustoßen und einen Vorrat an kritischen Rohstoffen anzulegen, wird sich daher erst noch zeigen müssen.

Handlungsoptionen für Deutschland und die EU

Die Märkte kritischer Rohstoffe entwickeln sich entlang geopolitischer Bruchlinien. China verteidigt sein strukturelles Monopol, die USA halten dagegen und errichten ein eigenes rohstoffökonomisches Industrieökosystem in Nordamerika. Die EU hat diese Dynamik erkannt und passt ihre Rohstoffstrategie an. Doch trotz der jüngsten Initiativen und Vorschläge besteht für die EU das Risiko, auch nach 2030 ihre enorm hohe Rohstoffabhängigkeit von China nicht substanziell zu reduzieren, sondern nur zu verschleppen. Die augenblickliche Entspannung im Handelsstreit zwischen den USA und China ist nur eine Atempause vor der nächsten Eskalation. Drei Maßnahmen auf nationaler und EU-Ebene könnten dazu beitragen, die EU strategisch besser zu positionieren und mittelfristig weniger erpressbar zu machen.

1. Vom Mineral zur Munition – In rohstoff-(militär-)ökonomischen Ökosystemen denken

Die US-amerikanischen Rohstoffaktivitäten können für Deutschland und die EU in mehreren Hinsichten als Blaupause dienen. Ein erfolgskritischer Hebel für die langfristige ökonomische Behauptung auf dem chinesisch dominierten Seltenerden-Markt ist die integrative Verzahnung der zivilen mit der militärischen Sphäre. Das US-Verteidigungsministerium tritt als Investor und für die nächsten zehn Jahre als Abnehmer des amerikanischen Seltenerdenunternehmens MP Materials und weiterer Rohstoffunternehmen auf. In Deutschland könnte auf ähnliche Weise das Bundesministerium der Verteidigung als strategischer Investor für Seltene Erden oder andere (verteidigungs-)kritische Rohstoffe agieren. Denn die Rohstoff- und Materialanforderungen und Lieferabhängigkeiten sind bei deutschen und europäischen Rüstungsunternehmen dieselben wie bei US-amerikanischen. Da jedoch der deutsche Rüstungsbeschaffungsmarkt zu klein und die Rohstoffverbräuche der deutschen Industrie zu gering sind, wäre der europäische Binnenmarkt der bessere Referenzrahmen.

Denkbar wäre eine langfristige europäische Rohstoff- und Rüstungsallianz vom Mineral zur Munition. Diese würde bestehen aus etablierten Rohstoffunternehmen wie beispielsweise dem schwedischen Eisenerzproduzent mit identifizierten SE-Potenzialen LKAB zusammen mit dem belgischen SE-Verarbeiter Solvay und großen zivilen und militärischen Endverbrauchern wie zum Beispiel VW, Rheinmetall und Airbus. Koordiniert könnte dieses europäische rohstoff-(militär-)ökonomische Ökosystem über das neue EU Critical Raw Materials Centre oder die EU-Kommission. Strategisches Hauptziel wäre die Errichtung und Protektion wettbewerbsfähiger Rohstoffproduktions- und Verarbeitungskapazitäten in Europa ohne chinesische Beteiligung.

2. Ohne die USA planen und handeln

Die Rohstoffbeziehungen zwischen der EU und den USA sollten in etablierten Foren wie dem Trade and Technology Council und der Minerals Security Partnership wie auch auf Unternehmensebene gestärkt und vertieft werden. Gleichzeitig müssen Berlin und Brüssel anerkennen, dass die USA nicht mehr der verlässliche Partner von einst sind. Die EU steht daher bei den kritischen Rohstoffen potenziell einer Zweifrontendynamik zwischen den USA und China gegenüber. Die EU muss daher langfristig zu einem selbstbehauptungsfähigen Weltakteur auf den Rohstoffmärkten avancieren. Ansonsten droht die Zerrreibung zwischen Washington und Peking und die weitere Zurückdrängung aus den rohstoffreichen Wachstumsmärkten des Globalen Südens.

3. Regeln und Standards sind wichtig, rohstoffökonomische Handlungsfähigkeit ist wichtiger

In nachhaltigkeitsethischer und sozio-ökologischer Hinsicht ist es begrüßenswert, dass die EU sich weltweit für strenge Regeln und Standards im Bergbausektor einsetzt. Doch hierbei gilt es, den Kipppunkt zwischen einerseits (zu) strengen, selbstfesselnden Regeln und andererseits der geoökonomisch-geopolitischen Handlungs- und Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China, den USA, Russland und anderen Staaten im Blick zu behalten und auszubalancieren. Die Ziele europäischer Nachhaltigkeits- und Lieferkettensorgfaltspflichten werden in der Realität nicht erreicht, wenn europäische Unternehmen aufgrund dieser Pflichten nicht agieren (können) und damit den Markt außereuropäischen Konkurrenten überlassen. Das hilft weder der Rohstoffsicherung, noch der nachhaltigen Bergbausektor-Modernisierung. Daher wird es erforderlich sein, mehr auf rohstoffökonomische Handlungsfähigkeit zu setzen, die internationale Zusammenarbeit vorrangig in ökonomischen Kategorien zu organisieren, um dadurch insgesamt Europas schwache Position auf den Rohstoffmärkten zu stärken. Regeln und Standards sind dabei keinesfalls gänzlich zurückzunehmen, wohl aber auf ein handlungsermöglichendes Maß für europäische Unternehmen anzupassen; getreu der Maxime: Strategisch. Entschlossen. Europäisch.

Dr. Jakob Kullik ist Politikwissenschaftler an der Technischen Universität Chemnitz. Dennis Bastian ist Geologe bei der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Die Autoren geben ihre persönliche Meinung wieder.

Veröffentlichungsdatum: 03.02.2026

Working Paper topic: 
Energy Security
European Union
Defence Technology
Defence Industry
Economic Policy
Region: 
China
Germany
United States
Tags: 
Arbeitspapier
Rohstoffe
Seltene Erden
Technologie
Import
Bergbau
Lagerstätten
EU
Europäische Union
EU Critical Raw Materials Act
RESourceEU Action Plan
EU Critical Raw Materials Centre
Rohstoffpolitik
Rohstoffmonopol