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Indien als aufstrebender Akteur im Nahen Osten: Entwicklungslinien, Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten

1/2024
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Indien tritt auf internationaler Bühne zunehmend selbstbewusster auf. Dies gilt auch in unmittelbaren Nachbarregionen Europas wie dem Nahen Osten. Hier lässt sich plastisch zeigen, welche Chancen und Grenzen für die Kooperation Europas mit Indien bestehen – auch in Hinblick auf die Beziehungen des Westens zu China. Aufbauend auf einer Analyse des Aufstiegs Indiens als Akteur im Nahen Osten benennt dieses Papier Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten einer europäisch-indischen Zusammenarbeit im Dreieck mit Staaten dieser Region.

Der indische Premierminister Modi und der designierte COP 28 Präsident und CEO der Abu Dhabi National Oil Company Al Jaber sitzen vor Flaggen ihrer Staaten und unterhalten sich.

Der indische Premierminister Narendra Modi und der designierte COP28-Präsident und CEO der Abu Dhabi National Oil Company Sultan Al Jaber im Gespräch: Indien deckt rund 80 Prozent seines Energiebedarfs aus der Golfregion. Foto: Flickr/MEAphotogallery/CC BY-NC-ND 2.0 Deed

Anfang Juni 2023 besuchte Verteidigungsminister Boris Pistorius Indiens Hauptstadt Neu-Delhi und traf mit seinem indischen Amtskollegen Rajnath Singh zusammen. Pistorius warb bei dem Treffen für eine engere militärische Kooperation mit Indien, da das Land in der Indopazifikregion zu den wichtigsten strategischen Partnern Deutschlands zählt. Der deutsche Verteidigungsminister stellte sogar eine Angleichung der militärischen Partnerschaft auf ein Niveau mit Japan und Australien in Aussicht. Für diese beiden Staaten im Indopazifik gelten bei Rüstungsgeschäften mit Deutschland bereits vereinfachte Regeln.

Lange wäre eine solche Annäherung zwischen einem NATO-Mitgliedsstaat und Indien kaum denkbar gewesen. Zu Zeiten des Kalten Krieges pflegte das blockfreie Indien eine enge rüstungspolitische Zusammenarbeit mit der Sowjetunion. Indiens Rivale Pakistan gehörte dagegen zu den Partnern der NATO. Doch eine veränderte Weltlage haben Indien und den Westen enger zusammengebracht. Neben Faktoren wie dem selbstbewussteren Auftreten Indiens unter der Regierung Narendra Modis und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist dabei der gemeinsame Blick auf China zu nennen. Im April 2023 überholte Indien China als bevölkerungsreichstes Land der Erde. Die indische Wirtschaft ist heute bereits die weltweit fünftgrößte Volkswirtschaft. Der gleichzeitige Aufstieg Indiens und Chinas verläuft nicht spannungsfrei. Beijing erkennt seit langem die sino-indische Grenze im Himalaya nicht an und erhebt Territorialansprüche auf die indische Provinz Arunachal Pradesh. So wurden bei einem Grenzzwischenfall im Galwan-Tal im Jahr 2020 bis zu 20 indische Soldaten getötet.

„China will eine multipolare Welt, aber ein unipolares Asien“, brachte Samir Saran, strategischer Vordenker und Präsident der Observer Research Foundation in Delhi den Kern indischer Sicherheitsbedenken im November 2023 auf den Punkt. Dass Saran diesen Befund ausgerechnet bei einer Konferenz in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), äußerte, war dabei durchaus von Symbolcharakter. Denn auch in den VAE und dem benachbarten Saudi-Arabien haben die tiefgreifenden geopolitischen Verschiebungen zu einem sicherheitspolitischen Umdenken geführt – wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. Beide Länder gehörten lange zu den wohl engsten Partnern der USA im Nahen Osten. Doch spätestens seit Russlands Angriff auf die Ukraine lässt sich eine sicherheitspolitische Neujustierung beider Golfstaaten erkennen. So schlossen sich beide Länder den US-Sanktionen gegen Russland nicht an und richten ihre Positionen im Angesicht der Verhärtung der chinesisch-amerikanischen Beziehungen zunehmend im Stil einer multivektoralen und zuvorderst von Eigeninteressen geleiteten Außen- und Sicherheitspolitik aus. Das BRICS-Bündnis lud beide Länder – neben Iran, Äthiopien und Ägypten – im Sommer 2023 ein, der Organisation bestehend aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika beizutreten. Gleichzeitig bleibt die Zusammenarbeit der VAE und Saudi-Arabien mit dem Westen in vielen Bereichen weiterhin eng. Bei diesem Balanceakt der Golfstaaten kommt Indien eine wichtige Rolle zu.

Indiens Beziehungen zur Golfregion

Am Rande des G20-Gipfels im September 2023 in Neu-Delhi unterzeichneten Indien, Saudi-Arabien, die VAE, die USA und mehreren EU-Staaten, darunter Deutschland, eine Absichtserklärung für einen India-Middle East-Europe Economic Corridor (IMEC). Das Infrastrukturvorhaben, welches auch Projekte in Jordanien und Israel umfassen soll, sieht zwei voneinander unabhängige Korridore zwischen dem Nahen Osten und Asien sowie zwischen dem Nahen Osten und Europa vor, die erst zusammen ihren vollen Nutzen entfalten. Es soll mehrere Projekte zur Verbesserung der Infrastruktur für Datenkommunikation sowie für den Waren- und Energietransport (insbesondere von Wasserstoff) umfassen und den Handel zwischen Europa und Indien um bis zu 40 Prozent beschleunigen. Das Projekt mit einem kolportierten Gesamtumfang von bis zu 20 Milliarden Euro kann dabei in Konkurrenz zum chinesischen Infrastrukturvorhaben Belt and Road Initiative und dem türkischen Development Road Project gesehen werden. Die Absichtserklärung sieht unter anderem den Ausbau von Stromnetzen, Hochgeschwindigkeitsdatenkabeln und Energiepipelines zwischen dem Nahen Osten, Asien und Europa vor sowie Investitionen in direkte Eisenbahn- und Schiffsverbindungen. Einen „wirklich großen Deal“ nannte US-Präsident Joe Biden das Projekt laut amerikanischen Medien. Der neu aufgeflammte Nahostkonflikt lässt jedoch die zeitnahe Umsetzung zumindest fraglich erscheinen, auch wenn sich Schlüsselakteure wie Frankreich, die VAE und Indien weiterhin zum Projekt bekennen. Doch selbst ohne IMEC ist kaum von einem Bedeutungsverlust der Beziehungen zwischen der arabischen Welt und Indien auszugehen. Zu eng sind die Bande bereits heute.

Das indische Wirtschaftsvolumen hat sich nach Angaben der Weltbank im Laufe der letzten 20 Jahre mehr als vervierfacht. Das Wirtschaftswachstum betrug zuletzt rund sieben Prozent pro Jahr. Bis Ende der laufenden Dekade könnte Indien zudem Deutschland und Japan einholen und somit in die Ränge der drei größten Volkswirtschaften der Welt aufsteigen. Das Außenhandelsvolumen Indiens mit der gesamten arabischen Welt lag im Jahr 2022 bei rund 200 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2017 waren es noch rund 140 Milliarden. Rund zwölf Prozent der indischen Exporte gehen an den Golf. Noch wichtiger ist jedoch der Import, insbesondere da die indische Wirtschaft auf ihrem Wachstumskurs dringend auf Energieimporte angewiesen ist. Rund 80 Prozent des indischen Energiebedarfs wird dabei aus der Region gedeckt. Die Intensivierung der Zusammenarbeit begann in den späten 2010er Jahren und folgt einer langen historischen Entwicklungslinie. Die Geschichte des Handels zwischen der arabischen Halbinsel und dem indischen Subkontinent reicht bis in die Antike zurück und gehört zu den ältesten Handelsrouten der Welt. Eine gemeinsame Geschichte als Teil des britischen Kolonialreiches sowie große indische Gastarbeiter-Communities in Ländern wie Saudi-Arabien, den VAE, Oman, und Katar haben die Regionen seitdem noch enger verzahnt.

Unter Indiens Handelspartnern in der arabischen Welt liegen die VAE auf dem ersten Platz. Mit einem jährlichen Handelsvolumen von rund 72 Milliarden Euro (2022) sind die Emirate trotz ihrer geringen Bevölkerungsgröße von nur 10 Millionen Menschen heute auf Platz drei der wichtigsten indischen Handelspartner insgesamt. Zudem fließen beträchtliche Direktinvestitionen aus den VAE nach Indien; mit 3,3 Milliarden US-Dollar allein im Jahr 2023 sind die Emirate bereits der viertwichtigste ausländische Investor im Land. Besonders ist hier der Nahrungsmittelsektor zu nennen. Dazu kommen signifikante Investitionen in den indischen Start-Up-Sektor und grüne Technologien. Im Mai 2022 wurden die bilateralen Beziehungen durch das UAE-India Comprehensive Economic Partnership Agreement (CEPA) auf ein neues Fundament gestellt. Das Abkommen integriert beide Märkte noch stärker und hat umfassende Zolleinsparungen bei rund 80 Prozent aller Waren zu Folge. Die VAE sind als einer der ersten ausländischen Partner dem indischen digitalen Bezahlsystem United Payments Interface (UPI) beigetreten, über das allein im August 2023 über 10 Milliarden Transaktionen durchgeführt wurden.

Saudi-Arabien steht mit rund 42 Milliarden US-Dollar auf Platz zwei der Handelspartner Indiens in der Region und auf Platz vier der wichtigsten Handelspartner Indiens überhaupt. Indien importiert deutlich mehr aus Saudi-Arabien, als es dorthin exportiert. Zudem sind die Direktinvestitionen beider Länder zuletzt stark gestiegen. Das Königreich investiert in ein diverses Portfolio in Indien, das Infrastruktur- und Energieprojekte, Landwirtschaft, Mineralien und Bergbau sowie den Bildungs- und Gesundheitssektor umfasst. Bemerkenswert ist auch die Zunahme indischer Investitionen in Saudi-Arabien. Insbesondere der Bereich Green Energy bietet dabei hohe Wachstumspotentiale. Im November 2023 machten Presseberichte die Runde, dass Saudi-Arabien zudem ein Milliardeninvestment im Bereich Sport plane und Anteile an der indischen Cricketliga erwerben wolle. Das Königreich hat unter der Führung von Kronprinz Mohammad Bin Salman Investitionen im Sportsektor hohe Priorität eingeräumt und versteht diese als Teil des machtpolitischen Instrumentariums, wie sich auch im Golfsport und dem Fußball zeigt.

Weitere wichtige Handelspartner Indiens sind dazu Kuwait, Irak und Katar. Im Falle Katars fallen insbesondere Gasexporte ins Gewicht; Indien bezieht einen signifikanten Anteil seiner Gasimporte aus dem Emirat. Im Herbst 2023 kam es jedoch in Folge der Verurteilung von acht indischen Marineveteranen zum Tode durch ein Gericht in Katar zu diplomatischen Verstimmungen. Die Hintergründe des Falles sind nur wenig bekannt. Indische Medienberichte sprechen von Spionagevorwürfen in Bezug auf ein katarisches U-Bootprogramm und möglichen Geheimnisverrat an Israel. Ende Dezember 2023 wurden die Todesurteile in der Revision in langjährige Haftstrafen umgewandelt. Im Februar 2024 kamen die Marineveteranen frei. Wenige Tage zuvor gaben die Firmen QatarEnergy und Petronet LNG (Indien) ihren bisher größten Gasdeal bekannt. Von 2028 bis 2048 sollen pro Jahr 7,5 Millionen Tonnen Flüssiggas nach Indien geliefert werden.

Neben dem Außenhandel lohnt ein Blick auf die Arbeitsmärkte der Golfstaaten selbst. Die heute über acht Millionen indischen Staatsbürger in der Region finden sich nicht nur im Niedriglohnsektor, wie auf Baustellen, im Gastgewerbe oder als Fahrer und Kuriere, sondern auch im Hochtechnologiesektor, im Finanzwesen oder in Führungspositionen von Milliardenunternehmen. Hinzu kommt, dass allein in Dubai rund 30 Prozent aller Start-Up-Gründungen auf Fach- und Führungskräfte aus Indien zurückgehen. Inderinnen und Inder tragen somit einen gewichtigen Teil zur Wirtschaftskraft in der Golfregion bei. Die Bedeutung der Beziehungen zeigte sich abermals im Februar 2024. Zum Ende seiner zweiten Amtszeit weihte Indiens Premierminister Modi einen hinduistischen Tempel in Abu Dhabi ein, den größten des Nahen Ostens. Es war der siebte Staatsbesuch Modis allein in den VAE. Der Besuch wurde von einer Reihe weiterer Kooperationsabkommen in den Bereichen Digitalinfrastruktur, Konnektivität und Handel flankiert.

Indien als neuer strategischer Akteur im Nahen Osten

Wie die Entwicklungen im Zuge des russischen Überfalls auf die Ukraine gezeigt haben, ist Wirtschaftspolitik stets auch Teil einer sicherheitspolitischen Agenda. Ähnlich wie auch China bemüht sich Indien um die Kopplung von wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aspekten. So baut Neu-Delhi insbesondere im Dual-Use-Bereich wie der IT-Industrie sein Engagement deutlich aus. Neben neuen Kooperationen zwischen indischen und israelischen Unternehmen zählen auch die VAE und Saudi-Arabien als Partner in der High-Tech-Industrie dazu. Dabei spielt die gemeinsame Produktion von Halbleitern genauso so sehr eine Rolle, wie der gegenseitige Austausch zur Cybersicherheit, was bereits 2016 mit einer gemeinsamen Absichtserklärung manifestiert wurde. Auf indischer Seite sind hier insbesondere Telekommunikationsanbieter und Rüstungsunternehmen wie Hindustan Aeronautics Limited zu finden. Auch bei Rüstung und Raumfahrt sind intensivere Kooperationen zu beobachten. So startete 2017 der erste arabische Nano-Satellit vom indischen Sriharikota ins All und israelische, emiratische und indische Rüstungsunternehmen arbeiten bei der Weiterentwicklung des SPYDER-Flugabwehrsystems zusammen. Gleichzeitig entwickelt der indische Konzern BEL zusammen mit Partnern aus Saudi-Arabien neue Lenkflugkörpersysteme und Instrumente für die unbemannte Luftfahrt.

Es sind diese Beispiele, die zeigen, dass Indien neue Kooperationen mit Gleichgesinnten sucht. Dabei ist für Indien nicht nur die geostrategische Lage der Golfstaaten von Bedeutung. Auch deren neues politisches Gewicht in der Region wird in Neu-Delhi als spezieller Anreiz für weitergehende Partnerschaften wahrgenommen. Seit dem Amtsantritt Premierminister Modis richtet sich Indien zunehmend stärker gen Westen aus. Hatte Indien über Jahrzehnte seinen Rüstungssektor vor allem mit Hilfe russischer und nur teils mit westlicher Technologie aufgebaut, setzt Neu-Delhi spätestens seit 2016 mehr auf militärische Ausrüstung westlicher Partner. Auch der strategische Blick Indiens auf den Nahen Osten wandelt sich. Vor allem Modis sicherheitspolitischer Berater Ajit Doval treibt neue Akzente in der indischen Nahostpolitik voran. Doval, der zuvor Leiter des indischen Nachrichtendienstes IB war und hierdurch über gute Kontakte in die Emirate und nach Riad verfügt, richtete Indiens Augenmerk seit 2015 zunehmend stärker auf die aufstrebenden und finanziell starken Golfstaaten aus. In Folge dessen wurden eine ganze Reihe an Absichtsabkommen in nahezu allen sicherheitspolitischen Bereichen unterzeichnet: Dies reicht von indisch-omanischen Ausbildungsmissionen 2022 über den gemeinsamen Kampf gegen die Organisierte Kriminalität mit den VAE bis hin zu gemeinsamen Marineübungen im arabischen Meer.

Mit Blick auf internationale Bündnisse setzt Neu-Delhis Ansatz auf eine umfassendere Agenda als zuvor: zunächst die Schaffung eigener Initiativen und Formate, um ungestört von anderen Konkurrenten politischen und sicherheitspolitischen Einfluss auszuüben, zum Beispiel beim Ausbau der Indian Ocean Rim Association (IORA). Hier hat Indien die Möglichkeit, mit nahezu allen Anrainerstaaten des Indischen Ozeans direkt in Kontakt zu treten und wirtschaftliche und politische Initiativen zu unterbreiten. Zum zweiten setzt Indien im globalen Konzert auf die Beteiligung an internationalen Kooperationsformaten, die von anderen Staaten geprägt werden. So gehört Indien sowohl der chinesisch-russisch dominierten Shanghai-Cooperation-Organisation (SCO) sowie den BRICS-Staaten an, engagiert sich jedoch auch in einer Reihe von westlich geprägten Formaten wie den G7 oder dem IWF immer stärker.

Indien als ambivalenter Partner für Europa

Nicht nur beschreitet Indien unter der Regierung Modis selbstbewusst neue außen- und wirtschaftspolitische Wege. Die insbesondere vor dem Hintergrund des Aufstiegs Chinas erfolgenden Avancen der USA, Frankreichs und Deutschlands führen zudem dazu, dass Indien weitere Alternativen zu seinen alten Partnern oder Konkurrenten erhält. Als Folge dieser neuen politischen Gegebenheiten entstanden im Laufe der vergangenen Jahre neue Kooperationen wie zum Beispiel das I2-U2-Format, in welchem unter Beteiligung von Israel, Indien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und den USA ab 2022 eine stärkere Zusammenarbeit in den Bereichen Energie, Wasserinfrastruktur und Ernährungssicherheit beschlossen wurde.

Auch die neuen Rüstungskooperationen Indiens mit einer ganzen Reihe von westlichen Staaten sowie Israel, den VAE und Saudi-Arabien zeigen, dass zumindest in der aktuellen Situation Neu-Delhi sehr wohl verstanden hat, dass es alleine nur bedingt eine Chance gegenüber dem chinesischen Rivalen hat. Gleichwohl darf die neue indische Außen- und Sicherheitspolitik nicht als eine endgültige Festlegung auf das pro-westliche Lager verstanden werden. Denn auch weiterhin investiert Indien im Rahmen seines North-South-Transport-Corridor (NSTC) in den Iran bis nach Russland und ergreift innerhalb der Vereinten Nationen regelmäßig Positionen, welche konträr der westlichen Ausrichtung stehen. Indiens Engagement sollte vielmehr ähnlich wie das der Staaten des Golfkooperationsrates als selbstbewusst, primär von Eigeninteressen geleitet, und damit zugleich ambivalent in Bezug auf Partner bezeichnet werden. Eine Festlegung auf statische Allianzen gehört nicht zu den präferierten Instrumenten des außenpolitischen Werkzeugkastens von Außenminister Subrahmanyam Jaishankar, der vielmehr Werte wie Autonomie, Bündnisfreiheit, Resilienz, und Selbstständigkeit in den Fokus rückt.

Speziell für die deutschen und europäischen Akteure ergeben sich hierdurch neue Chancen und Herausforderungen. Zum einen können sowohl auf wirtschaftlicher als auch auf sicherheitspolitischer Ebene neue Kooperationen als Alternative zu China etabliert werden. Der technologische Entwicklungsstand Deutschlands ist auch weiterhin von großem Interesse für Unternehmen aus Indien und/oder der Golfregion. Speziell in der energetischen Transformation können europäische Unternehmen im Zusammenschluss mit den Partnern aus der Golfregion und/oder Indien neue Synergien entwickeln. Hierfür sind besonders finanzielle und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen in Form von Anschubfinanzierungen, Ausfallversicherungen und Bürgschaften von Nöten, die es europäischen Unternehmen ermöglichen, die etwaigen Investitionsrisiken in Kauf zu nehmen. Dass dies von Seiten der Partner am Golf und in Indien stark begrüßt wird, haben diverse Austauschforen und Konferenzen gezeigt. Zudem haben europäische Institute und wissenschaftliche Einrichtungen inzwischen ein beachtliches Wissen in der Bewältigung des Klimawandels angesammelt, welches für die besonders bedrohte Golfregion und Indien relevant bleibt, auch wenn die Klimaforschung beiderorts deutlich an wissenschaftlicher Tiefe gewonnen hat. Beide Regionen werden bereits innerhalb der kommenden zwei Dekaden mit massivem Wassermangel, Extremwetterlagen und einer kontinuierlichen Erhitzung mit Temperaturen von regelmäßig über 50°C zu kämpfen haben.

Den größten Hebel können europäische und insbesondere deutsche Akteure jedoch in der Stärkung der Konnektivität in Form neuer Wirtschaftskorridore zu Land und zur See finden. Eingeschlossen ist dabei nicht nur die Entwicklung neuer Hafen- und Infrastrukturprojekte, sondern auch die Aufrechterhaltung der bereits bestehenden Handelsrouten. Die Angriffe der Houthi-Rebellen auf die internationale Schifffahrt am Golf von Aden zeigen, wie rasch sich eine Einschränkung wichtiger Handelskorridore auf die Wirtschaften in Indien und Europa auswirken kann. Indien und Deutschland als große Exportnationen haben ein veritables Interesse an der Schaffung neuer Sicherungsmissionen, besonders zur See.

Doch auch in anderen Themenfeldern besteht für europäische und deutsche Akteure ein großes Kooperationspotential vor allem mit Indien. So sollten im Bildungs- und Kulturbereich bereits bestehende Strukturen ausgebaut und gestärkt werden. Da sich sowohl Indien als auch Deutschland als demokratische Staaten verstehen, ist der Ausbau zivilgesellschaftlicher Beziehungen eine wichtige Grundlage für eine nachhaltige Vernetzung beider Staaten. Dabei sind jedoch auch Risiken zu beachten wie die Zunahme religiös-nationalistischer Tendenzen unter Modi, die sich bereits negativ auf die Qualität der indischen Demokratie auswirken und weitergehender auswirken könnten. Von indischer Seite wird dagegen häufig ein weniger oberlehrerhaftes Verhalten westlicher Partner angemahnt. Das neue Selbstbewusstsein Neu-Delhis birgt daher auch eine Reihe an Herausforderungen. Insbesondere die Reisen von Bundeswirtschaftsminister Habeck und Bundeskanzler Scholz haben gezeigt, dass die deutsche wirtschaftspolitische Position in Indien und am Golf deutlich schwächer ist, als noch vor einigen Jahren. Das wurde nicht zuletzt bei den zurückliegenden Verhandlungen mit den Golfstaaten deutlich, bei denen die deutsche Seite Verträge mit signifikant längeren Laufzeiten und kostenintensiveren Konditionen in Kauf nehmen musste. Zudem sorgt auch die Menschenrechtssituation in Indien und den Partnern am Golf für eine Reihe an Herausforderungen. Sicherheitspolitisch kann für Deutschland ein Ausbau der Kooperation mit Indien und den Golfstaaten dagegen als weiterer Baustein eines weitsichtigen Umgangs mit einer zunehmend multipolaren Weltordnung dienen, soll der europäische Einfluss in der Region durch Russland oder China nicht noch weiter zurückgedrängt werden. Dafür ist unbedingt auch eine differenzierte Analyse der Interessen und politischen Prioritäten Indiens sowie der Golfstaaten und ein Abgleich mit den eigenen Interessen und Werten notwendig.

Stefan Lukas ist Managing Director des Analyse- und Beratungsunternehmens Middle East Minds und Gastdozent an der Führungsakademie der Bundeswehr. Leo Wigger ist als Associate Partner bei der Candid Foundation für Südasien sowie Eurasien zuständig und Mitglied im Redaktionsbeirat des Nahostmagazins Zenith. Die Autoren geben ihre persönliche Meinung wieder.

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