Die Zukunft der Nudelsuppe: Szenarien für Asiens Weg

Montag, 31. Oktober 2016

Die zwischenstaatlichen Verflechtungen im asiatisch-pazifischen Raum gleichen einer "Bowl Of Noodles". Welche Entwicklungsszenarien sind für diese strategisch bedeutsame Region realistisch? Welchen Einfluss können Deutschland und die EU nehmen, die bisher vor allem als wirtschaftliche Akteure auftreten?

Mann hinter Verkaufstisch

Diese Fragen erörterten die Teilnehmer des 2. Führungskräfteseminars der BAKS gemeinsam mit dem Arbeitskreis "Junge Sicherheitspolitiker"  am 26. Oktober 2016 im Katholischen Militärbischofsamt Berlin. Foto: pixabay/CC0

Die "Jungen Sicherheitspolitiker" stellten vier mögliche Entwicklungswege zur Debatte: Dr. Hannah Neumann (freie Politikberaterin) referierte über eine vertiefte Integration nach europäischem Vorbild. Dr. Gerlinde Groitl (Universität Regensburg) präsentierte Szenarien zunehmender Machtrivalitäten und Instabilitäten. Rayk Hähnlein (Stiftung Wissenschaft und Politik) beleuchtete die Wahrscheinlichkeiten und Folgen eines möglichen Auseinanderbrechens der Volksrepublik China. Und Carsten Kalla (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn) skizzierte den Aufstieg Chinas als dominanter Regional-Hegemon, der ein Tributsystem nach historischem Vorbild einführen würde.

Bei der Darstellung und anschließenden kontroversen Diskussionen traten die Unterschiede im Hinblick auf Wahrscheinlichkeiten und Konsequenzen der verschiedenen Entwicklungswege deutlich hervor. So gilt eine vertiefte Integration Asiens nach europäischem Vorbild angesichts mangelnder Strahlkraft einer politisch angeschlagenen EU und wenig durchsetzungsfähigen OSZE als eher unwahrscheinlich. Schwerer wiegt noch, dass die sehr heterogenen asiatischen Länder nicht die gleichen Voraussetzungen besitzen, die in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg herrschten. Deutschland und Europa müssten sich daher die prinzipielle Frage stellen, ob sie ihren diplomatischen Einfluss durch wirtschaftliche Kooperation erhalten oder eigene Initiativen als Alternative zu den US- oder China-dominierten Wegen entwickeln wollten.

Angesichts zunehmender Machtrivalitäten in der Region wären drei Entwicklungsszenarien denkbar. Im "Best Case" käme es zu wechselnden Zweckallianzen, die Streitigkeiten friedlich beilegen und Mächte kontrolliert ausbalancieren. Im "Worst Case" eskalieren die sich diametral gegenüberstehenden Interessen so weit, dass eine ähnliche Lage wie in Europa vor dem Ersten Weltkrieg droht. Ein Mittelweg käme einer Blockbildung zwischen China und den USA mit ideologischen Bruch gleich, entfernt dem "Kalten Krieg" ähnelnd. Der deutsche und europäische Einfluss wäre in allen diesen Szenarien jedoch sehr begrenzt.

Als sehr unwahrscheinlich wurde von allen Teilnehmern das Auseinanderbrechen der Volksrepublik China angesehen. Seit fast 30 Jahren liegt das Wirtschaftswachstum bei 10%, die objektive Armut konnte quasi abgeschafft und die Lebenserwartung verdoppelt werden. Auch wenn die Wirtschaft schwächelt, sind keine größeren sozialen Unruhen unter den Han-Chinesen zu erwarten. Diese stellen über 90% der Bevölkerung und gelten als regierungsloyal. Ein Ende des jahrtausendealten Zusammenschlusses ist auch deshalb nicht zu erwarten, weil Stabilität in der chinesischen Mentalität generell eine hohe Bedeutung und zu einer großen Resilienz der chinesischen Gesellschaft geführt hat.

Deutlich wahrscheinlicher scheint hingegen eine Art neues Tributsystem unter der Hegemonie Chinas. Allerdings wäre es falsch, den Begriff des Tributes normativ zu überhöhen. Er entspricht einem chinesischen Selbstverständnis, welches nicht mit westlichen Interpretationen gleichzusetzen ist. Denn historisch wurde das chinesische Tributsystem keinem Staat militärisch aufgezwängt. Stattdessen schlossen sich die Nachbarstaaten freiwillig diesem System an und leistetet ihre Tribute. Im Gegenzug erhielten die jeweiligen Herrscher vom chinesischen Kaiser Anerkennung und im Bedarf sogar militärischen Beistand. Solange daher nicht gegen das Völkerrecht verstoßen wird, sollte man deshalb das Tributsystem nicht vorschnell verurteilen.

Auch wenn vermutlich kein Entwicklungsweg in Reinform eintreten wird, so zeigte doch die Debatte den enormen Bedarf für eine intensivere strategische Betrachtung der Region sowie für mehr flexiblere Handlungsoptionen der deutschen und europäischen Politik.

Nach der gelungenen Premiere im Februar 2016 bot auch das zweite Aufeinandertreffen des Führungskräfteseminars der BAKS mit dem Arbeitskreis "Junge Sicherheitspolitiker" allen Beteiligten die Möglichkeit intensiv Gedanken auszutauschen und dabei von Erfahrungswerten und neuen Blickwinkeln zu profitieren.

Autor: Simon Lavo / Michael Hanisch